Samstag, 20. Januar 2018

UK Subs & Assmatix @ Bochum, Rockpalast (19.1.2018)

Charlie Harper
Januar. Kalt. Am Vortag Sturm. Als ich in Bochum ankomme, regnet es erst einmal heftig. Einlass kurz nach 20.00. Ich war vorher noch nie im "Rockpalast" gewesen. Auf den ersten Blick ist das Venue (incl. Empore) ganz cool. Nur der Sound war grenzwertig. Vor allem für die Band selber. Ich stand den größten Teil des UK Subs Konzertes direkt vor Charlie Harper und der hatte eigentlich die ganze Zeit keinen Monitor...hörte also von sich nix. Wunder der modernen Technik.

UK Subs
Aber von Beginn an: wie erwartet traf ich eine ganze Reihe sehr netter, bekannter Menschen. Angehende SeniorInnen auf Klassenfahrt. Das empfinde ich sehr entspannend. Dann eine Vorband, die - naja - wirklich nicht mein Ding war. Ich hörte, dass der Support am Tag zuvor in Aachen ganz, ganz schrecklich gewesen sein muss. So war es in Bochum natürlich nicht. Trotzdem war ich nicht unglücklich als die Dortmunder Band Assmatix nach einen guten halben Stunden den Weg für die UK Subs frei machten.
Alvin Gibbs
Paul - der beste Tourmanager schlechthin - erzählte mir vorher schon, dass sie eben auf jeder Tour eine andere Supportband hätten und dass das alles komplizierter machen würde. War TV Smith in all den letzten Jahren immer dabei gewesen, war es einfach: kurzes Changeover und vor allem ein verläßlicher Ablauf. Jetzt müssten sich die UK Subs jeden Abend - Blind Date - auf neue Leute und deren Zuverlässigkeiten/Unzuverlässigkeiten einstellen.
Steve Straughn
Die UK Subs - um es direkt zusammenzufassen - waren brilliant. Sie meisterten nicht nur suboptimalen Rahmenbedingungen im Blick auf den Sound: sie spielten einen sehr guten Set. War der in den vergangenen Jahren eher dadurch geprägt, dass er eher weniger Überraschungen bot, wurde für die Tour nochmal neu im großen Topf der vielen, vielen guten Songs geschüttelt. Das bahnte sich schon an, als die Band Ende des Jahres u.a. ihren 40-Jahre-Jubiläums-Gig spielten, der live via YouTube gestreamt wurde. Nicht nur Teile der vor wenigen Monaten veröffentlichen Singles wurden zu Gehör gebracht: auch Songs wie "Another Cuba" wurden gespielt. Überhaupt gehören ja die UK Subs zu den wenigen Bands, die über all die Jahre immer wieder etwas Neues rausgebracht haben und eben nicht nur aus dem alten Material existieren. Das ist schon extrem beeindruckend. So wie überhaupt die Band mich immer wieder zum Staunen bringt: Charlie Harper, der mit über 70 auf der Bühne rumtänzelt als wäre er dann doch 20 Jahre jünger - Alvin Gibbs, der stoisch seinen Bass spielt und mit dem fantastischen Drummer Jamie Oliver das Rückgrat der Band abbildet und dann eben Steve Straughan, der für mich der bisher beste Gitarrist in der Bandgeschichte der UK Subs ist.
Also: was will man mehr. Die UK Subs sind ein Phänomen und ich hoffe, dass die noch einige Jahre nicht nur mich erfreuen werden.

Jamie Oliver

Donnerstag, 11. Januar 2018

TV Smith & Vom (feat. Thomas Schneider) @ Duesseldorf, Pitcher (10.1.2018)

TVOM feat. Thomas Schneider

 Wie kann man - im Hinblick auf ein Konzert - ein Jahr besser beginnen als mit einem Konzert von TV Smith? Dazu noch: TV nicht allein, sondern mit Vom und Thomas Schneider. Musikalisch war es ein herrlicher Abend. Das Trio war launig aufgelegt. Am Morgen hatte Vom ein Video von der "Probe" in der Nacht zuvor in Netz gestellt. Die drei hatten Spaß in der Nacht und dann auch im Pitcher. Für einen Mittwochabend - und dann noch für Düsseldorf! - war das Pitcher am Ende ausverkauft. Und so startete ein Set, der zwar (leider) keinen neuen songs präsentiert ... der aber vom Anfang bis zum Ende (TV sagte, dass es ja schon Tradition sei, mit "Runaway Train Driver" zu enden) stimmig war. Auffallend war, wie gut und geschmeidig die drei auf der Bühne harmonierten. Ist es bei TV und Vom eh der Fall, empfand ich dieses Mal Thomas Schneider noch sehr viel besser als er eh schon ist. So gab es viel zu lachen. Das Video - siehe unten - gibt einen kleinen Einblick für das, was da vor den Songs vor allem zwischen TV und Vom hin- und herging. Kurzum: TV mit Vom zu sehen, hat einen hohen Unterhaltungswert.Und ich freue mich schon auf das nächste Konzert mit




It's Warming Up
Only One Flavour
No Time To Be 21
Expensive Being Poor
Immortal Rich
Generation Y
Replay
I Delete
The Drink
The Day We Caught The Big Fish
Waiting For The Axe To Drop
Pushed Again
My String Will Snap
Lion And The Lamb
Gary Gilmore's Eyes
Bored Teenagers
One Chord Wonders

Stacheldraht Mann
Lord's Prayer

Good Times Are Back
Runaway Train Driver



Montag, 1. Januar 2018

Rückblick 2017

Das Jahr 2017 war aus verschiedenen Gründen sehr bunt für mich. Im Blick auf Musik konnte ich viele, viele wunderbare Bands sehen. Und nicht nur das: auf Tonträger-Ebene gab es für mich wiederum neue Entdeckungen, die mein Herz höher schlagen ließen.
Diese Jahr also jeweils eine TOP 7.

Hier also zunächst die Top 7 der besten Konzerte, die ich in diesem Jahr sehen konnte:

1. The Skids @ Blackpool, Rebellion Festival
















Das beste Konzert auf dem Festival. Ein Traum ging da für mich in Erinnerung.

2. Cyanide Pills @ Essen, Freakshow













Die nach wie vor beste NEUE Punkband in unseren Tagen.

3. Shame @ Essen, Hotel Shanghai














DIE Entdeckung für mich in diesem Jahr. In kleineren Clubs unschlagbar.

4. Desperate Journalists @ Cologne, Blue Shell















Betörend und wunderbar. Eine fantastische Band.

5. Sonic Avenues @ Essen, Anyway














Diese Band aus Montreal hat mich umgehauen.

6. Spizz Energi @ Cologne, Sonic Ballroom















Eigentlich hatte ich NICHTS erwartet und erlebte die Wiedergeburt einer der Bands der zweiten Stunde des Punk.

7. The King Blues @ Cologne, MTC





















Sie sind wieder da und konnten an das anknüpfen, wo sie 2012 aufgehört haben. Outstanding!


Dann hier die TOP 7 der besten Alben in diesem Jahr:

1. Cyanide Pills - Sliced & Diced
Das dritte und beste Album dieser Band...wobei die beiden ersten schon fantastisch sind. Die werden immer besser.

2. Desperate Journalist - Grow Up
Wenn doch "Independent" immer so sein möge: voller Energie und wunderbarer Songs

3. Autobahn - The Moral Crossing
Voll Retro...aber genial. Ich liebe dieses Album.

4. Duncan Reid & The Big Heads - Bombs Away
Das perfekte dritte Album. Von A-Z ein Knaller.

5. Pog - Little Trophies
Diese Band aus Brighton ist ein Geheimtip: ein wunderschönes Album.

6. Bitter Grounds - Hollowlands
Diese Band aus Utrecht schießt den Vogel ab: wunderbare Songs/Melodien. Dutch-Punk!

7. Ramones - Leave Home (40 Anniversary Edition)
Ok. Nichts Neues. Aber diese liebevoll hergestellte Edition muss man einfach lieben.

Sonntag, 31. Dezember 2017

Protex @ Essen, Freakshow (29.12.2017)

Protex
 Da ich an dem Abend kein Auto zur Verfügung hatte, fuhr ich mit der S-Bahn von Düsseldorf nach Essen. Da die Freakshow sehr nah am Bahnhof Essen-Steele liegt, war es einfacher als gedacht. So verbrachte ich meinen Konzert-Jahresabschluss in dem Venue, das immer wieder zu überzeugen weiß: nette Menschen, die den Laden am Leben erhalten, eine überschaubare Größe, faire Priese, ein außergewöhnliches Design und eigentlich immer ein großartiges Publikum. Auch wenn an diesem Abend ein Idiot meinte, einen auf "Dicke Eier" machen zu müssen. Aber letztlich hat der sich dann auch nach einer klaren Ansage getrollt.
"Protex"aus Belfast spielten auf. Ich hatte die Band schon im August auf dem Rebellion Festival gesehen. Poppiger Punk / angepunkter Pop. Wie dem auch sei: eine sehr sympathische Band, die eine gute Stunde spielten. Die Band war auch früher - "damals" - nie durch ein besonderes Outfit aufgefallen. Schon damals wirkten sie auf den Fotos mehr als normal. Entscheidend ist ja eh, was quasi vorne rauskommt. Und dass sind zum großen Teil wunderschöne Songs mit ins Ohr gehenden Melodien. Und das Besondere: diese Band lebt nicht - wie so viele andere - nur von dem, was sie vor über 30 Jahren aufgenommen haben. In diesem Jahr kam ein neues Album "Tightrope" - auf einem Label in Österreich! - heraus, das sich mehr als sehen lassen kann. Auf der einen Seite schließt es an die alten songs nahtlos an. Auf der anderen Seite ist das neue Album alles andere als eine Reproduktion des Alten. Nicht allein das ist hervorragend. Protex ist keine Band, die wirklich oft spielt. Aber diese vier Musiker auf der Bühne zu sehen, macht einfach Freude: die spielen nicht nur mit viel Spaß, sondern sie spielen auch so, dass alles genau auf den Punkt sitzt. So kam ein guter song nach dem anderen. Ein Jahresabschluss kann eigentlich gar nicht besser sein.
Leider musste ich die Freakshow bei den Zugaben verlassen, um noch meine S-Bahn zu erreichen. Aber egal: es war ein toller Abend.



Samstag, 23. Dezember 2017

Peter and the Test Tube Babies & Dick York + The Originals @ Duesseldorf, Haus der Jugend (22.12.2017)

Peter And The Test Tube Babies
Was kann man erwarten, wenn Peter and the Test Tube Babies spielen? Ernsthaft nicht viel mehr, als dass es ein Abend sein möge, an dem man Spaß haben kann. Mehr ist aus meiner Sicht nicht zu erwarten. So hat diese Band vor allem einen nostalgischen Wert. War das erste Album "Pissed & Proud" schon ganz gut, brachte es die Band aus Brighton aber dann fertig, mit "The Mating Sound Of South American Frogs" eines der besten Alben dieser - je nach Zählart - dritten Welle des englischen Punk hinzubekommen. Dieses zweite Album ist von Anfang bis zum Ende genial und war insofern Segen und Fluch zugleich, als dass Peter and the Test Tube Babies danach niemals mehr nur ansatzweise nachlegen konnten. Für mehr als ein bis maximal zwei ganz gute Songs hat es nie mehr ausgereicht und auch das aktuelle Album ist eigentlich nicht wirklich gut. Es reiht sich ein in die Phalanx der neuen Alben der alten Helden wie Chelsea und The Adicts, die allesamt - wenn man sie ganz nüchtern betrachtet - doch sehr überflüssig sind. Aber wie dem auch sei. Das ist meine ganz subjektive Meinung. Trotzdem gucke ich mir Peter and the Test Tube Babies - wie auch Chelsea und The Adicts - immer wieder gerne an. Denn - um beim gestrigen Konzert zu bleiben - die Brightoner haben einen hohen Unterhaltungswert. Nicht nur, dass all die alten Hits gespielt werden. Jedes Jahr steht die Weihnachtstour unter einem neuen Motto.
Dalton Family
War es letztes Jahr Donald Trump, war es dieses Jahr der Knast. Inspiriert war das durch den Zwischenfall im August als der Sänger nicht in die USA einreisen durfte und unter Polizeiaufsicht direkt wieder in einen Flieger nach England gesetzt wurde. War es damals aufgebauscht worden, dass der Grund allein in der letzten Weihnachtstour lag, als der Sänger Donald Trump "parodierte", kam wohl noch erschwerend hinzu, dass er schlicht und einfach keine Arbeitserlaubnis für die USA dabeihatte. Jedenfalls hatte er als Reaktion drauf schon ein Knastoutfit in Blackpool. Und so stand der Frontmann dann wie der kleine dicke Cousin der Daltons auf der Bühne und bot gediegene Unterhaltung. Das Einstreuen von einigen neuen Songs war nicht schadhaft. Getragen war alles von dem frühen Material der beiden ersten Alben. Und das war auch gut so - und das wollten auch alle hören. Zudem ist noch anzumerken, dass die Band nach wie vor frisch und druckvoll spielt, so dass auch die vom Alkohol versetzte Stimme des Sängers nicht so schlimm ins Gewicht fällt. Kurzum: Peter and the Test Tube Babies boten rund 80 Minuten Party. Mehr nicht. Aber das extrem gut.
Was ich von der Vorband nun gar nicht berichten kann: Dick York & The Originals. Das war ziemlich abgestanden. "Not my Cup of Tea" - wie die Engländer sagen würden.
Nun denn. Viel wichtiger: da waren sehr viele nette Menschen. Und so war es ein wunderbarer Abend!

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Family 5 @ Duesseldorf, ZAKK (13.12.2017)

Family 5 
Im Rahmen des "Lieblingsplatten-Festivals" traten gestern im ZAKK "Family 5" auf. Und das war wunderbar. War der Auftritt aufgrund der nicht besonders großen Ticketnachfrage in den Club verlegt worden, fand das Konzert dann doch in der Halle statt. Es war aber alles andere als ausverkauft...trotzdem passte es.
Peter Hein
Die Band spielte - wie es das Festival vorgibt - das erste Album "Resistance". Der Charme eines solchen Unternehmens ist ja, dass sich zum einem eine Band noch einmal mit einem ganzen Album auseinandersetzen muss und so das eine oder andere Lied mal wieder gespielt wird, was sonst endgültig in der Versenkung verschwunden wäre. Zum anderen kommt - wie in diesem Fall - ein Juwel zum Glänzen: wo es sich zeigt, dass ein tolles Debut-Album auch nach über 30 Jahren immer noch strahlen kann.
Und Family 5 haben das wirklich gut hinbekommen. Auch wenn Peter Hein zum Schluß meinte, dass er krankenhausreif sei (typische Ironie oder ehrlich Selbstoffenbarung) spielten die 7 Familienmitglieder das Album in einer Frische, die schlichtweg spaß machte. Nach dem Album kam quais der "Bonus-Set", in dem natürlich auch Songs des letzten Albums vertreten waren. Für diesen Part hatte sich die Band dann eine Besonderheit ausgedacht: für 4 Lieder kamen jeweils 4 Gast-Sänger/Sängerinnen auf die Bühne. Am Eindruckvollsten war dabei das Duett von Peter Hein mit Martina Weith (der ehemaligen Sängerin von Östro 430), die mit einer fulminanten Stimme überraschte.
Am Ende hatte die Band über 90 Minuten gespielt. Und es war ein großartiger Abend. Merkwürdig nur, dass für diese Band, die zum Feinsten der Bandlandschaft dieses Landes zählt, dann doch nicht so viele ins ZAKK kamen. Schon im Frühjahr im Haus der Jugend war die Besucherzahl eher mager. Merkwürdig. Diese großartige Band hätte mehr verdient.

Freitag, 8. Dezember 2017

Shame @ Essen, Hotel Shanghai (8.12.2017)

Rohe Energie: Shame
Wenn schon so eine grandiose Band direkt noch einmal in der Nähe spielt, ist das eine Aufforderung, sie mir noch einmal anzugucken. Diesmal spielten Shame im Hotel Shanghai in Essen. Dieses Venue kannte ich noch nicht. an sich ein ganz netter Laden mit einer eher kleinen Bühne. So klein, dass ich - an das Ende des Shame-Auftrittes in Köln (siehe vorherigen Blog-Eintrag) denkend - schon arge Bedenken hatte, dass sich jetzt erst Recht Gitarrist und Bassist ihre Instrumente dem jeweils anderen in irgendein Körperteil rammen. Aber: oh Wunder...auf engsten Raum beherrschten die beiden die Kunst, wie von ADHS geschüttelt rumzuhüpfen und sich doch passgenau aus dem Weg zu gehen. Respekt! So erlebte ich nun einen Set, der auch zu Ende gespielt werden konnte.

Es war ein Set, der vom Anfang bis zum Ende wahrhaft fantastisch war. Diese 5 jungen Engländer haben eine unglaubliche Energie. Auch wenn Sie keine 40 Minuten gespielt haben: sie sahen hinterher aus als hätten sie einen Marathonlauf hinter sich. Die geben alles. Allen voran der Sänger, der nach dem 4. Lied mal kurz vorne auf die Bühne kotzte nachdem er sich vorher halbwegs die Seele aus dem Leib geschrien hatte. Es ist eine Band, die spielt als wäre es das letzte Mal. Stand ich zu Beginn noch ein wenig weiter hinten, um wenigstens ein Video aufnehmen zu können, verbrachte ich die meiste Zeit direkt rechts vor der Bühne und ließ mich von dieser brachialen Energie berauschen. Ich habe allein dieses Jahr wirklich viele sehr, sehr gute Konzerte erleben können. Aber Shame werden dieses Jahr zu den TOP-Five der besten Konzerte gehören. Allein das letzte Stück "Gold Hole" hatte etwas Infernalisches: fast schien es, als würde jetzt alles außer Kontrolle geraten und die einzelnen Bandmitglieder aktivierten noch einmal die letzten Reserven. Besonders der Bassist stach hervor, wie er dann doch auf dem Rücken lag und seinen Bass mit so einer Art Bühnengardine verhedderte und zum Schluß einfach nur noch auf sein Instrument eindrosch. Großes Kino.
Als die Band ihren Auftritt beendet hatte, sprach ich noch den in Köln lädierten Gitarristen an, wie es seinem Kopf ginge. Er meinte, dass die Wunde nicht so tief gewesen sei aber dass sie trotzdem genäht werden musste. Dabei grinste er.
Hatte ich ursprünglich vor, mir dann noch den Hauptact "Gurr" anzugucken, entschied ich mich spontan, doch wieder nach Hause zu fahren. Das war einfach zu gut. Nichts gegen Gurr, aber Shame sind nicht zu toppen.



Donnerstag, 7. Dezember 2017

Shame & Gurr @ Cologne, Gebäude 9 (6.12.2017)

Rampensau
Vor einigen Wochen machte mich mein englischer Freund Martin auf die Band "Shame" aufmerksam. Sie seien aufregend...schrieb er mir. Als ich mir dann bei YouTube einige Videos von den 5 Engländern ansah, konnte ich diese Einschätzung nur teilen. 5 junge Engländer, die - so sagte es gestern der andere Martin treffend - auf "Rotzlöffel" machen. Musikalisch kann ich die gar nicht so richtig einordnen. Offiziell laufen sie unter dem Label "Post-Punk", das aber alles und nicht sagt. Der englische Martin hat in ihnen auch etwas von den frühen Killing Joke erkennen wollen. Es ist wohl so, dass da verschiedenste Zitate vorkommen. Jedenfalls hat die Band allein mit dem Stück "Concrete" einen Monster-song hervorgebracht. Und auch all die anderen Lieder sind klasse. So bin ich auf das Debutalbum des Quintetts gespannt, das Mitte Januar erscheinen wird.
Gestern nun im Gebäude 9 spielten Shame als Support für Gurr.
Shame!
Was soll ich sagen: der Auftritt war so wie ich ihn mir erhofft habe. Und so ist es vielleicht die Gunst der Stunde, eine - durch das ständige Touren - gut eingespielte Band mit einen tollen Energie auf der Bühne erleben zu können. Im Hintergrund ein blutjunger Schlagzeuger, der stoisch auf sein Schlagzeug einprügelt. Links der eine Gitarrist, der leicht unbeteiligt erscheinend sein Ding durchzieht. Dann rechts der andere Gitarrist, der keine Sekunde ruhig stehen kann und der nur noch durch den Bassisten übertroffen wird, der wild hin- und herspringt. Und dann der Sänger, der - so jung er auch sein mag - die großen Gesten schon voll drauf hat und - das alles sehr stimmig - jetzt schon eine enorme Ausstrahlung hat: die Rampensau schlechthin. So wirbelten Shame vom ersten Ton an auf der Bühne herum - und das war wahrlich beeindruckend. Es war nahezu perfekt. Wenn überhaupt - so wiederum der andere Martin - erschienen die 5 noch fast zu nett für das selbst gewählte Rotzlöffel-Image. Aber unter dem Strich war das eine extrem gute Performance, die schlicht und einfach nach Wiederholung schreit. Schon deshalb, weil der Auftritt keine halbe Stunde dauerte. Denn die beiden auf der rechten Seite - Gitarrist/Bassist - gerieten unfreiwillig aneinander, was dem Gitarristen eine dicke Platzwunde am Kopf einbrachte, so dass der Auftritt abgebrochen werden musste. Ok: es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass einer der Musiker blutend auf der Bühne steht. Wiederum: ich hätte da auch nicht gerne weitergemacht während mir das Blut runtertropft. So spielten Shame eben nicht mehr "Concrete". Quasi ein musikalischer "Coitus Interruptus". Schade. Aber allein das, was ich gehört habe, war toll.

Gurr

"Gurr" hingegen haben mich nicht wirklich vom Hocker gehauen. Das Album der Band ist eigentlich sehr gut. Ich bin mir daher auch nicht sicher, warum sich meine Begeisterung in Grenzen hielt. War es der Kontrast zur Vorband? Lag es daran, dass ich in dem Moment lieber noch mehr von Shame gehört hätte...und der der unerwartete Abbruch des Sets dann doch schmerzte? Oder war es, weil ich zu Gurr alleine wohl gar nicht hingefahren wäre? Ich weiß es nicht. Jedenfalls macht die Band einen sehr ansprechenden Indie-Pop und Gurr konnten die anwesenden Menschen in Bewegung bringen. Also eine gute Band. Am Freitag spielen beide Bands dann in Essen. Mal sehen, wie Gurr dann auf mich wirken.

Sonntag, 3. Dezember 2017

The Adicts, Spizzzenergi & Cashbar Club @ Duesseldorf, ZAKK (2.12.2017)

The Adicts
Ich mag das ZAKK. Seit vielen Jahren gehe ich da immer wieder gerne hin...nicht nur zu Konzerten. Aber was wirklich nervt ist der Sound in der Halle. Ich weiß nicht was es ist: der Raum, die Anlage oder das Unvermögen der Menschen am Sounboard. Jedenfalls war am gestrigen Abend der Sound mal wieder grottenschlecht.
Opa vom Cashbar Club
Besonders übel war der Sound bei der lokalen Supportband: beim "Cashbar Club". Starteten die Düsseldorfer vor Jahren zuerst mit Coverversionen, die alle auf einen guten Musikgeschmack der Band verwiesen, so dreht sich nun das Konzept der Band. Auf der Setlist - so vermute ich - befanden sich bis auf das letzte Lied nur Eigenkompositionen. Da nun der Sound wirklich unterirdisch war, kam nun nicht mehr als ein Soundbrei herüber. Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass die Band "rockigere" Pfade nun eingeschlagen hat. Und selbst der letzte Song - "Making Plan for Nigel" von XTC - konnte ich erst auf den letzten Metern eindeutig identifizieren. Das Schicksal der ersten Band/der Supportband, bei der der Sound auf dem Tiefpunkt begann.

Spizz
Erstaunlicherweise gab sich der Mischer bei "Spizzenergi" ein wenig - aber nur ein wenig - mehr Mühe. Ich sah die Band vor einigen Monaten im sonic Ballroom und war hellauf begeistert. Unter dem Strich war der Auftritt gestern exzellent...gleichwohl muss ich anmerken, dass Spizzenergi auf kleineren Bühnen besser platziert ist. Wie schon in Köln erwies sich Spizz als leicht durchgeknallter und herausragender Entertainer, der von einer sehr, sher guten Band begleitet wird. Es ist eine wahre Freude, die auf der Bühne zu erleben. Da die Band ja immer nur kurz tourt (und das nur ab und zu) und die einzelnen Bandmitglieder im Alltag noch anderes machen, ist es schon erstaunlich, dass die dann so einen gut aufeinander abgestimmten Auftritt hinlegen können. Respekt. Jedenfalls spielte die Band fast eine Stunde und das war gut so.

Karnevalist
Bei den Adicts ist es nun so, dass eigentlich von vornherein klar ist was kommt: eine Mischung aus vitalem Punk der frühen 80er Jahre und Karneval garniert mit einem recht hohem Vermüllungsfaktor angesichts des Konfettis, der Klohrollen und der diversen anderen Dinge, die ins Publikum gefeurt wurden. 75 Minuten Party. Eigentlich nichts anderes. "The Adicts" sind eine durch und durch professionelle Band, die - so war in der letzten Ausgabe des Ox zu lesen - mit wenig Bandproben auf einem sehr hohen technischen Niveau ihre Shows spielen. Der Umstand, das zwei der neuen Songs des brandneuen Albums auf der Setlist landeten, veränderte nichts am Gesamtkonzept. Und so ging dann im ZAKK die von allen erwartete Party ab. Kaum einer ließ sich vom immer noch schlechten Sound wirklich runterziehen. Und dass es auf der Empore zum Schluß noch eine handfeste Keilerei gab, lag weniger am Grottensound sondern vielmehr am zu hohen Alkoholgenuss von einigen Menschen mit einem massiven Agressionsproblem. Am Ende kam das obligatorische "You'll Never Walk Alone" - by the way: die einzig wirklich gute Version dieses Songs - zu dem sogar dann Spizz noch auf die Bühne kam und es flogen wieder die großen Bälle durchs Publikum. Also: wenig Neues...aber das erwartet auch niemand (mehr) ... dafür aber erstklassige Unterhaltung.



Sonntag, 10. September 2017

Richies, Jiro Okabe + Band, Zwakkelmann, Nimrods & Kontrollpunkt @ Duesseldorf, Haus der Jugend (9.9.2017)

Jörg zusammen mit Jiro Okabe
Es hat viel Kraft und Mühen gebraucht, um dieses Ramones-Tribute als BOC (Beat On Cancer) - Festival vorzubereiten. Jörg hat es geschafft, ein tolles Line-Up zusammenzustellen und als Partner erwies sich das Haus der Jugend in Düsseldorf mit ihrer freundlichen und sehr professionellen Crew als extrem gut. Auch wenn es am Ende im VVK doch nicht so viel Zuspruch bekam und daher das Festival von der Halle in das Cafe verlegt werden musste, war es ein wunderbarer Abend. An sich stimmte alles. Ok: die Luft in der Kneipe war dann sehr dünn, so dass nach jedem Set alle nach draußen strömten, um wieder frische Luft aufzutanken. Aber so was gehört irgendwie auch dazu.
Nun spielten an diesem Abend nicht nur fünf Bands. Es gab zudem eine Ausstellung von vielen Fotographien der Ramones - einer, der viele der Coverbilder geschossen hat, war auch da: George DuBose. Zudem konnte man "Ramoetry" (An Outspoken Tribute To The Ramones) bestaunen und zwei Italiener waren zu Gast, die einen Katalog mit unzähligen Ramones-Konzertpostern im Gepäck hatten.
Kontrollpunkt
Den Anfang machten "Kontrollpunkt" aus Düsseldorf. Sie spielten eine Mischung aus eigenen Songs und einigen Ramones-Klassikern. Und wer meint, Ramones-songs zu spielen, sei eine einfache Übung, sollte sich nicht täuschen. Was andere sehenden Auges an die Wand fahren, brachten "Kontrollpunkt" aber mit eigener Akzentuierung sehr gut rüber. Neben "Sheena is a Punkrocker" spielten die Düsseldorfer noch "Pet Sematary". Der "Rest" war engagierter Deutsch-Punk. Sympathische Band, die wie alle anderen Bands dieses Festival sehr unterstützt haben.
Nimrods
Als zweite Band des Abends spielten die "Nimrods". Diese Band ist ein Selbstläufer: coole Songs, grandiose Performance und ein wunderbarer Humor. Ich jedenfalls kann mir die immer wieder angucken. Ich mag diese Bands, die unbeschwert einfach Spaß am Spielen haben und sich dabei nicht allzu ernst nehmen. Bewundernswert ist zudem immer wieder der Bassist, der nur mit einer Saite spielt. Nach dem Auftritt des obligatorischen Gorillas - der arme Kerl, der in dem Kostüm in Sauna-Atmosphäre auf der Bühne rumhoppeln musste - musste aber die Band dieses Mal aufgrund der Hausordnung auf ihre Konfettikanonen verzichten. Stattdessen verteilte der Gitarrist Feuerzeuge, so dass dann vor der Bühne ca. 20 Menschen mit Feuerzeugen schwenkten. Kreativer Humor! Leider spielten die Nimrods nur eine halbe Stunde. Die hatte es aber in sich.
Zwakkelmann

"Zwakkelmann" war der nächste im Lineup. Wie schon vor einigen Monaten spielte der mit seiner Band. Es war wieder einmal sehr lustig. Zwakkelmanns Texte zwingen einem automatisch ein Grinsen ins Gesicht. Titel wie "Ja vielleicht bin ich asozial" oder "Menschen bei der Nahrungsaufnahme" sind schon ein Brüller. Jedenfalls verging der 45minütige Set wie im Fluge.
Jiro Okabe




Für mich vollkommen unbekannt war die vierte Band des Abends: "Jiro Okabe" mit seiner Band. Jiro Okabe - ein Amerikaner - hat u.a. mit CJ Ramone und Richie Ramone zusammengespielt. Und zusammen mit seinem Gitarristen und seinem Schlagzeuger legte er einen Set hin, der hinreissend war. Auch wenn 75 Prozent der Songs Cover der Ramones waren, hatte ich nie das Gefühl, dass das einfach nur so eine Coverband sei. Jiro Akobe und die beiden anderen gaben allen Lieder eine eigene Note. Da wurde nichts bis in typische Bewegungen hinein nachgeahmt. Da wurden großartige songs auf andere großartige Art und Weise zu Gehör gebracht. Einzig "My Bonnie" war nicht nur in meinen Ohren ein Ausrutscher. Aber selbst das trübte nicht den Gesamteindruck, dass an diesem Abend - als einzige internationale Band - ein außergewöhnliches Trio in Düsseldorf zu Besuch gewesen war.

Richies
Krönender Abschluss waren dann die "Richies", die viel zu selten aufspielen. Die Band ist eine Legende. Sympathisch, fantastisch. Ähnlich wie die Nimrods haben sie sich den Ramones-Sound zu eigen gemacht und ihn in viele wunderbare eigene Songs gegossen. Und das alles klingt so lebendig und zeitlos, dass es nicht nur für mich eine Freude war, diese Band zu erleben. Jörg hat es einige Überredungskunst gekostet, diese Band für diesen Abend zu gewinnen. Es hat sich mehr als gelohnt.
Als dann um 23.00 Uhr alles vorbei war, legte dann noch die DJ-Legende aus Düsseldorf - JayKay - auf. Was will man mehr.
Also: ein wunderbarer Abend und Dank an Jörg, der das alles organisiert hat und dank an die Crew vom Haus der Jugend.

Freitag, 8. September 2017

Department S, Bitter Grounds & Establishment @ Essen, Don't Panic (7.9.2017)

Department S
Bezüglich der Zuschauerzahl war das ein trauriger Abend: zieht man die insgesamt 15 Bandmitglieder (incl. Merch-Mann)ab, waren es am Ende vielleicht 10 zahlende Gäste. Donnerstagabend in Essen. Im Blick auf die Musik war der Abend aber richtig, richtig gut.
Zuerst spielte die niederländische Band "Establishment". Das sind fünf Musiker, die wohl viel Spaß am alten us-amerikanischen Hardcore haben. Als sie begannen - und noch nicht eindeutig zu erahnen war, ob sie gut oder eventuell auch grottenschlecht sein würden - meinte ein weiblicher Gast (Hallo Heidrun!), dass es ja dann schon peinlich wäre, wieder raus zu gehen...denn wir standen zu dem Zeitpunkt mit einer Handvoll Menschen im "Hinterzimmer" des Venues, wo das Konzert aufgrund der schlechten Nachfrage (3!!! Tickets im VVK)hinverlegt worden war. Aber niemand musste gehen: die Band war wirklich ordentlich und das letzte Stück "Grey Day" ist ernsthaft klasse.

Die für mich an diesem Abend beste Band war "Bitter Grounds". Das sind auch Niederländer. Sie haben ein Album raus, das durch und durch ein Knaller ist. Sie spielen eine Mischung aus Punk mit Ska- und Reggae-Einflüssen. Und das tun die so erfrischend, das es eine wahre Wonne ist, das live vor der Bühne mitzuerleben. Auch hier war das letzte Stück "Life Of Violence" der Höhepunkt (unter vielen). Es ist schon toll, dass es auch immer wieder neue Bands zu entdecken gibt. Und ich habe großen Respekt nicht nur vor dieser Band, sondern auch vor den anderen beiden: dass sie trotz der wenigen Menschen im Publikum ihr Programm ohne Murren durchziehen.


Dann - um 22.00 Uhr - betraten "Department S" die Bühne und spielten einen tollen Set. Auch wenn es ja eine Band ist, in der kein einziges Original-Mitglied mehr dabei ist, funktioniert es. Und das neue Album ist eh eine Überraschung, mit der ich nicht gerechnet hätte. Ok: wieder einmal fehlte ein Keyboarder, der gerade auch die alten Stücke bereichert hätte. Trotzdem. Es machte Spaß und die Band spielte auch zwei Cover-Versionen: war die erste "Sonic Reducer" wirklich einmalig, gibt es aus meiner Sicht bei "Born to loose" ein paar Abstriche. Aber egal. Alle, die da waren, hatten ihren Spaß. Ich kaufte mir dann noch die Vinyl-Version des Bitter Grounds Albums und traf beim Herausgehen den Sänger von Department S, der mich mit Handschlag verabschiedete...was ja bei so wenigen Leuten kein Problem ist. So erlebte ich an diesem Abend 3 Bands, die allesamt sehr sympathisch waren.

Sonntag, 3. September 2017

Love Machine & The Mañana People @ Duesseldorf, KIT (2.9.2017)

Love Machine
Ein schöner Septemberabend. Wir kamen am Rhein zum KIT (Kunst im Tunnel). Das ist ein netter Laden. An dem Abend sollte die Düsseldorfer Band "Love Machine" spielen. Umsonst. "Love Machine" ist eine Band, die alte Zeiten beschwört: rein äußerlich hätten die Bandmitglieder Ende der 60er/Anfang der 70er leben können: Lange Haare, Bärte, Hemden von "damals" usw. ...und der Sänger sah aus wie "Rasputin" - musikalisch ist es ein interessanter Mix aus Psychedelic, Krautrock und noch einigen anderen Einflüssen. Nun ist das, was die Band da im KIT hinlegte, aber alles andere als abgestanden. Musikalisch extrem gut aufeinander eingespielt - inklusive zweitem Drummer - spielten die Düsseldorfer einen gut einstündigen Set, der wirklich gut war. Ich war an vielen Stellen an gute Klänge aus meiner Pre-Punk-Zeit erinnert. Insofern war es eine musikalische Zeitreise, die Spaß machte. Ok: das Trommelsolo am Schluß war nicht so mein Ding. Aber ansonsten würde ich mir die sofort wieder angucken.
The Mañana People
Als Support spielte ein Duo "The Mañana People", die sonst wohl als fünfköpfige Band auftreten. Die passten im Blick auf den Stil ziemlich gut zum Hauptakt: effektiv hätten die auch als Neuauflage von "Zager & Evans" (In The Year 2525) durchgehen können. Kurzweilig und gut.
Also im Ganzen einer wunderbarer Abend. Unerwartet war das - und der Abend rief mir (mal wieder) in Erinnerung, dass es vor 1977 auch wirklich gute Musik gegeben hat. Und es ist schön, dass junge Musiker es hinbekommen, Altes noch einmal ganz neu aufzulegen. Respekt. Und wie ich nach dem Konzert erfuhr, scheint es da noch eine ganze Menge anderer Band zu geben. Spannend! Mal sehen, was es da noch zu entdecken gibt.

Montag, 7. August 2017

Rebellion Festival, Blackpool - Wintergardens (6.8.2017)

Grande Finale
Das Grande Finale! Der letzte Tag. Und – um es vorwegzunehmen – er fing super an und endete mit einem wahren Paukenschlag.

Pete Bentham and the Dinner Ladies
Im „Opera House“ spielte zuerst „Pete Bentham and the Dinner Ladies“. Pete Bentham ist ein Künstler aus Liverpool, der durch Texte, Performance usw. eine wunderbare Verbindung von Humor und wirklich guten Songs hinbekommt. Das Quartett inkl. einer Saxophonistin wurde von zwei Dinner-Ladies-Tänzerinnen ergänzt, die jeweils außen auf der ausreichend großen Bühne synchron tanzten oder irgendwelche zu den Songs passenden Dinge taten. Das hat als Einstieg in den Tag nicht nur Spaß gemacht. Wiederum: wo es zu Beginn des Tages oft von den Besucherzahlen noch sehr übersichtlich gestaltet, war es für die Liverpooler ziemlich gut gefüllt. Absoluter Tip. Pete Bentham kommt auch ab und zu nach Deutschland auf Tour.

Inca Babies
Danach spielten die aus Manchester stammenden „Inca Babies“. Ich muss zugeben, dass ich nur den Namen kannte und eins oder zwei Stücke vor irgendwelchen Samplern aus den 80er Jahren. Ich saß da und erwartete entsprechend nicht viel. Der Sound ist – sehr vielsagend! – „postpunk“ tendenziell düster. Und die waren gut. Ich kannte zwar keinen einzigen Song, aber die Band spielte einen ziemlich guten Set. In der Hälfte des Auftritts stand auf einmal ein Trompeter auf der Bühne und der Sänger meinte lakonisch, dass er mal ein wenig Jazz in den Punk bringen wolle. Und das hörte sich klasse an. Solche Variationen sind genau das, was Musik interessant macht. So war ich positiv überrascht.
Aber es sollte noch besser werden...aber nicht direkt.

Rock'nRoll Gypsies
Denn auf die Inca Babies folgte eine Band, von denen ich noch nie gehört hatte: „Rock’n’Roll Gypsies“. Der Name allein ist irgendwie komisch. Neugierig wollte ich sehen, was sich dahinter verbarg. Am Ende entpuppte sich das als „Projektband“ u.a. mit dem schon gestern erwähnten Chelsea-Bassisten und Monique aus Düsseldorf. Der Set war nun alles andere als mein Ding: sehr rockig. Aber gut gespielt und Monique hat eine gute Stimme. Jedenfalls war ich über diese Konstellation so überrascht, dass ich mir den ganzen Set anguckte. Im Sitzen ist das eh ok. Und ob ich mein Baguette im Cafe oder im Opera House esse: das weiche Weißbrot schmeckt so oder so mäßig. Also: kein Highlight. Aber da die Band das auch für eine gute Sache macht, war das mehr als in Ordnung.

Urban Dogs
Auf die nächste Band im Opera House war ich sehr gespannt: die „Urban Dogs“. An sich eine Band von Charlie Harper und Alvin Gibbs von den UK Subs zusammen mit Knox von den Vibrators. Letzterer war aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, nach Blackpool zu kommen. Für ihn spielte der eine Gitarrist der „anderen“ Sham 69 (also die ohne Jimmy Pursey), der wohl mal ganz am Anfang bei den „eigentlichen“ Sham 69 dabei gewesen war...oder wie auch immer es gewesen ist. Die „Urban Dogs“ sind – unter dem Strich eine Blues-Version der UK Subs. Das ist nicht böse gemeint. Aber allein die beiden UK Subs Songs „Limo Life“ und „Warhead“ zeigten das: anders arrangiert – eben als Blues-Nummern – hörten die sich sehr interessant an. Auch die anderen Songs waren gut. Also das ist eigentlich nicht wirklich so mein Ding, aber das hatte schon was. Und es hatte allein insofern etwas Besonderes, als dass Liveauftritte dieser Band extrem rar sind. Und es waren auch viele Menschen in das Opera House gekommen. Charlie Harper ist eben ein Magnet. Er ist ein Original. Und wie er auf dem Festival – am Merch stehend – mit den Leuten umgeht, ist schon sehr sympathisch.

Vibrators
Es folgten die „Vibrators“ und das Opera House war vollbesetzt. Zu meiner Überraschung spielte wieder der Gitarrist, der vor Jahren dabei war – und dessen Name mir gerade nicht einfällt....der früher bei den Members dabei war. Der andere – der in den letzten Jahren gespielt hatte, wurde...so erzählte es mir Gareth...wegen zu viel Trunkenheit rausgeworfen. Es war ein energiegeladener Auftritt. Das haute richtig rein. Die Band nutzte jede Sekunde ihrer Zeit auf der Bühne. Vielleicht war das einer der besten Auftritte, den ich bisher von den Vibrators erlebt habe. Und noch etwas: angesichts des Gitarristen spielte die Band auch „Sound of the Suburbs“ von den Members. Im Vergleich zu den Members zwei Tage zuvor, wurde deutlich, wie gut oder schlecht ein Song gespielt werden kann. Ich dachte auf jeden Fall sofort bei der Vibrators Version, dass es doch besser gewesen wäre, wenn die auch die anderen Members-Stücke gespielt hätten. Die Vibrators zeigten sich also von ihrer besten Seite. Hochachtung!

Zounds
Dann kam eine Band, auf die ich mich besonders gefreute habe: „Zounds“. Ich werde nie vergessen, als mir Joost das erste Album vorspielte und auch auslieh. Ich sehe jetzt noch die TDK-Kassette vor meinen Augen, die ich damals sehr oft in den Rekorder reingeschoben habe. Ich kaufte dann auch nach und nach alle Singles. Es gibt eigentlich keinen einzigen Song aus dieser Anfangsphase der schlecht oder mittelmäßig ist. Leide habe ich die Band nie gesehen. 2015 in Blackpool spielten sie am letzten Tag ganz zum Schluss und da war ich vollkommen durch und hörte auch, dass der Sänger vollkommen betrunken gewesen sein muss. Jetzt war er nicht betrunken...machte aber einen körperlich und psychisch angeschlagenen Eindruck. Trotzdem spielte die Band einen hinreißenden Set, in dem das erste Album und einige Single-Tracks vertreten waren. Absoluter Hammer. Dazu der tolle Sound des Opera Houses. Ich saß da glücklich und zufrieden.

Ballspiele
Dann kam ein Break für das Essen und ich ging recht früh in den „Empress Ballroom“. Und da sah ich noch den Restauftritt von „The Last Resort“: eine Skindhead/Streetpunk Band. Hmmm. Musikalisch ging das sogar noch. Aber ich bekomme immer ein ungutes Gefühl, wenn ich diese Bands sehe: Grauzone! Witzig war aber, dass eines zur Attitüde der Band bzw. des Auftritts nicht zusammenpasste. Hatten vorher „Dirt Box Disco“ den Empress Ballroom zum Kochen gebracht, hatten die wohl auch große Standbälle unters Publikum geschmissen. Davon waren noch einige da und wurden immer wieder auf die Bühne geworfen. In gewisser Weise wurde die „ernste“ Botschaft der Band so unterlaufen und immerhin bewies die Band auch Humor, in dem sie die Bäller immer wieder zurück ins Publikum kickten. Ich war da übrigens auf der Empore – direkt gegenüber der Bühne. Da wurde ein Stuhl frei neben einem wirklich sehr, sehr dicken Skinhead. Ich fragte ihn, ob ich mich neben ihn setzen könne bzw. ob er mir Platz machen könne. Er war ernst furchteinflößend, aber er machte mir Platz, was aber dazu führte, dass auch andere aufgrund seiner Leibesfülle aufstehen mussten. Kleine Frage – großer Aufwand. Als er dann endlich wieder saß...es ist ein Wunder, dass der Stuhl das überhaupt ausgehalten hat, wandte er seinen Kopf zu mir...und lächelte...und ich sah, dass ihm einige Zähne fehlten. Wie gut, dass sich Rebellion dadurch auszeichnet, dass es extrem friedlich dort zugeht.

Anti Pasti
Es waren jetzt noch drei Bands auf dem Programm – für den Empress Ballroom. Zunächst sollten „Anti Pasti“ spielen. In den frühen 80er Jahren hatte die Band zwei ziemlich gute Alben. Dann hat sich die Band vor ein paar Jahren wieder zusammengetan und sogar ein neues Album eingespielt. Mit dem Original-Sänger gab es dann wohl Krach und nach einigen Umbesetzungen sprang für das Festival der Sänger von Chron Gen ein. Letztes Jahr (?) hat die Band auch in Düsseldorf gespielt und ich hörte an sich nur schlechte Reaktionen: kaum altes Material und das alte war kaum wieder zu erkennen. Ich kann das jetzt auch bestätigen. Es war einer der schlechtesten Auftritte, die ich dieses Wochenende gesehen habe. Auch wenn der Sänger sehr textsicher war, auch wenn die Band technisch nicht schlecht gespielt hat: es war so etwas von seelenlos. Nur schnell...und bei der Band ist das eher nicht gut. Und selbst das an sich tolle Stücke „No Government“ war ziemlich verhunzt. War der Empress Ballroom bis zum Oxygenenzug immer vollgefüllt, war er bei der Band vielleicht zu einem Viertel belegt. Also das ist eine Reunion, die besser nicht stattgefunden hätte.

Richie Ramone
Gespannt war ich dann auf „Richie Ramone“. Neben Marky und CJ ist er der dritte der Überlebenden Ramones (aus der zweiten Reihe), die mit Band touren. Er hat mittlerweile zwei Solo-CDs rausgebracht, die beide „ok“ sind. Als ich die Ramones mein einziges Mal gesehen habe – 1985 in Bochum – saß er am Schlagzeug. Wie auch die beiden anderen hat er recht junge Musiker dabei. U.a. auch eine Bassistin, mit der er wohl jetzt auch zusammen ist: alter Mann...junge Musikerin. Was soll ich nun zu dem Auftritt sagen. Der Sound war wirklich ganz mies. Ist er im Empress Ballroom eh nie besonders gut, war das bisher fast das schlechteste, was ich rein akustisch geboten bekommen habe. Aber der ganze Auftritt war auch nicht viel besser. Es ist ok, wenn er das eine oder andere Stück – der Ramones – umarrangiert hat. Aber wenn man ein tolles Stück wie „Somebody put something in my Drink“, das er ja geschrieben hat, so versaubeutelt, dass es a. kaum wieder zu erkennen ist und b. als ich es endlich wieder erkannt habe all das Besondere verloren hat, was es vorher ausgemacht hat. Also: das war wirklich ein Enttäuschung. Dagegen half auch nicht, das Richie Ramone abwechselnd Schlagzeug spielte und dabei sang...was wirklich eine besondere Leistung ist...und dann wieder vorne am Mikro stand. Ne. Das war nichts.

Das Finale war ein „Grande Finale“: die „Skids“. Im Sommer 1980 habe ich diese Band ausgiebig gehört. Die beiden ersten Alben sind der absolute Hammer. Wobei ich „Days in Europe“ immer einen Tacken besser fand. Auch „Absolute Game“ – das dritte Album – ist sehr gut. Leider sind die kaum auf den Kontinent gekommen. Jedenfalls haben sie in Deutschland – soweit ich weiß – niemals gespielt. Schon vor einigen Jahren gab es eine Reunion. Natürlich ohne Stuart Adamson, der sich vor Jahren tragischerweise das Leben nahm. Aber die Reunionshows fanden allesamt um 2010 in Schottland statt. Und nun waren sie 2017 wieder da und haben sogar ein neues Album aufgenommen...und standen da jetzt im Empress Ballroom.
Skids
Und was soll ich sagen: es war das beste Konzert – für mich – auf diesem Festival. Da stimmte alles. Die Band hatte ihren eigenen Mischer dabei, der die Kunst beherrschte, in diesem Venue einen guten Sound hinzubekommen. Die Band spielte fantastisch. 80 Minuten hauten die einen Hit nach dem anderen raus. Alle hatten einfach Spaß. Und Richard Jobson – der Sänger – war in absoluter Topform. Er tanzte herum und seine Stimme ist so wie „damals“. Wenn es ein wirklich gelungenes Reunion in diesem Jahr gegeben hat, dann war es dieses. Obwohl es schon sehr spät war und ich unter anderen Umständen längst ins Hotel zurückgekehrt wäre, stand ich da und mein Herz war voller Freude. Brilliant. Ich hatte es gehofft, da ich via Pledge mir den Live-Mitschnitt vom Konzert aus dem Roundhouse im Juni zugelegt hatte und eben schon hören konnte, wie die Band heute klingt. So fantastisch die Live-CD ist: vor der Bühne zu stehen und diese Band live zu erleben, hat alles getoppt. Ab und zu schaute ich um mich: überall waren nur lächelnde/grinsende Gesichter. Alle sangen mit. Es wurde getanzt. Niemand stand einfach nur da. Absoluter Hammer! Müsste ich heute eine Top 15 der für mich besten Konzerte der letzten 40 Jahre aufschreiben: dieses Konzert wäre definitiv dabei.


Als sich die Masse dann langsam aus dem Empress Ballroom herausbewegte, stand ich draußen. Frische Luft. Dass es regnete, war nicht weiter schlimm. Der Weg zum Hotel war kurz. Ich traf Nick, den Hotelbesitzer. Er war auch beim Auftritt der Skids gewesen.
Ich fiel ins Bett schlief sofort ein und wachte nur einmal auf, als Stunden später die Finnen, die in den Hotelzimmern neben mir waren, von der letzten Pubrunde zurückkamen: laut, betrunken und unfähig, das Schloss vom Hotelzimmer zu finden. Aber auch dann schlief ich wieder ein – mit einem Lächeln.