Sonntag, 15. Dezember 2013

EA80 @ Cologne, Gebäude 9 14.12.2013

Was soll ich sagen? War der Freitagabend herausragend, stellte sich automatisch die Frage ein, wie das am Samstag noch zu halten wäre. Was auf jeden Fall besser war, war das Publikum im Blick auf meine am Freitag angemerkelten Aspekte: wenigstens in meiner Umgebung wurde weniger gequatscht und es wurde auch ein wenig weniger geraucht. Und musikalisch? Betrachtet man die Setlist, so werden einige Dinge deutlich:
Bis auf das erste und letzte Lied bot die Band eine komplett andere Setlist. Der Aufbau des Sets war ähnlich: die ersten 20 Minuten beinhalteten einen ersten Teil mit achten Stücken. Ähnlich wie am Freitag raste die Band durch diesen Opener. Es waren alles Stücke aus der Zeit des Albums "Grüner Apfel" bis zu "Definitiv: Nein". Allein dieser zeitliche Bogen markierte das, was sich schon am Freitag anbahnte: der Samstag stand für alles nach 1992. Wie am Freitag hatte all das etwas Atemloses, bei dem ein Knaller dem nächsten folgte. Spätestens jetzt war klar: musikalisch war der Samstag dem Freitag ebenbürtig. Aber es sollte noch besser kommen.
Nach einer kurzen Unterbrechung, die Martin diesmal übrigens nicht ankündigte - er sagte nur, dass das jetzt das letzte Stück sei -, kündigte er das komplette Album "Schauspiele" an. Und das war in mehrfacher Hinsicht genial. Genial war das, weil beide Abende in der Abfolge zweier Alben trafen. Wurde "202" 1990 veröffentlicht, erschien "Schauspiele" 1992. Stammten am Freitag alle anderen Lieder aus der Zeit davor, war es am Samstag genau umgedreht. Die Architektur von zwei Abenden. Tja, und dann spielten sie in exakter Reihenfolge "Schauspiele". Ich habe das damals im Sommer 1992 oft gehört. Ich kann mich deshalb gut daran erinnern, weil in dem Sommer mein Sohn geboren wurde und ich das Tape mit der LP als Dauergast im Rekorder unseres Autos hatte. Viele Erinnerungen verbinden sich mit diesem Album. Dieses Album hat etwas Besonderes. Vielleicht liegt es auch daran, dass es in gewisser Weise - für mich - auch eine Art Wendepunkt darstellt. Die nachfolgenden Alben waren anders. Ich kann das gar nicht richtig beschreiben. Damit will ich nicht sagen, dass alles danach schlechter war. Es war einfach anders. Vielleicht liegt diese Wahrnehmung allein an mir, an veränderten Einstellungen oder anderem. Ich weiß es nicht. Hatte ich nach Freitag jedenfalls erwartet, dass die Band z.B. das letzte Album in Gänze bringen würde, wurden wir eines anderen belehrt. Besonders freute ich mich darüber, da ich nach 1992 in den 90er Jahren EA80 nicht so oft sehen konnte. Wer kleine Kinder hat(te) wird das nachvollziehen können. So hatte ich von dem Album nie viel live mitbekommen. Das wurde an diesem Abend nachgeholt.
"Schauspiele" beinhaltet so viele Juwelen. Allein das erste Stück "200m und danach" ist wunderschön. Und allein das letzte Stück "Der Ableser" zeigt die Nähe zum Aufbau von "202". Dazwischen gibt es nur Perlen, die davon zeugen, dass EA80 schlicht und einfach eine herausragende Band ist. Was schon bei "202" am Freitag glückte, war der Umstand, dass das Album im wahrsten Sinne des Wortes in den Raum gestellt wurde: zum bewundern...zum genießen. Anzumerken ist allein, dass "Die Vorleserin" vor "Schlachtfest" kam.
Nach "Schauspiele" schloss sich ohne Unterbrechung die "Nachspeise" an. Anders als am Freitag gab es einen kleinen Zeitdruck. Im Internet war angekündigt, dass ab 23.00 im Gebäude 9 "Clubbing" angesagt war. Viele Konzerthallen sind da ziemlich kleinlich, weil diese Events immer guten Umsatz versprechen. So habe ich vor zwei Jahren im Stone Ratinger Hof erleben dürfen, wie Hugh Cornwell der Strom abgedreht wurde, damit das gemeine Volk vom DJ unterhalten werden konnte. Nun sind da EA80 eine andere Nummer, die in dieser Hinsicht die Band eine gewisse Schmerzfreiheit besitzt. Unvergessen mein allererstes EA80 Konzert 1982 in Gelsenkirchen: die hörten als eine von drei Bands - und sie waren nicht die Headliner - gar nicht mehr auf und ließen sich auch nicht von eindeutigen Signalen aus der Ruhe bringen. Doch eingedenk der Tatsache, dass das Programm der Band eh heftig war...Nicos eine Hand war bandagiert...Martin erkältet..., wurde deutlich, dass es nicht ganz so lang/spät wie am Freitag werden würde. Das war aber vollkommen in Ordnung.
Sieben Hammersongs folgten. Besonders das erste Stück nach "Schauspiele" war allein für sich gesehen grandios: "Tunnel", bei dem man wirklich mit in den Tunnel genommen wurde.
Auch am Samstag schlossen zwei Stücke als Zugabe den Set ab. Im Blick auf das nachfolgende Programm spielten EA80 "Tanss". Wie Martin auch anmerkte: eine passende Gelegenheit, gerade dieses Lied jetzt im Gebäude 9 darzubieten. Und wie schon am Anfang erwähnt: als Schluss folgte "Definitiv: Nein!".

Was soll ich sagen? Der Freitag war herausragend - der Samstag war es auch. 68 unterschiedliche Stücke spielten EA80. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Guckt man sich z.B. die Setlist von den meisten Bands an, dann ist es in mindestens 90 Prozent der Fälle so, dass Abend für Abend immer das gleiche gespielt wird. Kaum eine Band hat die Gabe, eine Setlist am nächsten Abend einfach mal ganz anders aufzusetzen. Es gibt viele Bands, die ich wirklich mag...und doch ist es auch irgendwie komisch, dass da kaum Spiel im Ganzen ist. Umso größer ist die Leistung von EA80 auf dem Hintergrund einzuschätzen, dass die Band nun wirklich nicht oft live spielt. Und sieht man mal von einigen kaputt gegangenen Saiten ab, war es allein technisch bestechend. Es ist eben eine Band, die sich - wenigstens machen sie den Eindruck - blind versteht.
Was soll ich sagen? EA80 waren und sind aus meiner Sicht die beste deutsche Punkband. Mit diesem Wochenende haben sie unter Beweis gestellt, dass eine Band - auch nach über 30 Jahren - allen zeigen kann, was eine Harke ist.

Das war die Setlist:

Von Leeren Herzen (Mehr Schreie)
Sonderwelt (Alle Ziele)
Prestissimo (Grüner Apfel)
HC/DC (Alle Ziele)
Armer Arm (Definitiv: Nein!)
Kamaki (Grüner Apfel)
HC/HC (Schweinegott)
Heilbutt (Grüner Apfel)

Schauspiele
200m Und Danach
Gugging
Starr
Keine Frage
Kann Nicht Heilen
Einleben
Wundkörper
Kopperschmidt
Die Vorleserin
Schlachtfest
Kleiner Schauspielführer
Der Ableser

Tunnel (Reise)
Nebenrollenspiel (Alle Ziele)
Fort von Krank (Definitiv: Nein!)
Dünger (Grüner Apfel)
Vor dem Untergang (Definitiv: Nein!)
Gast (Schweinegott)
Rückfahrtschein (Reise)

Tanss (Alle Ziele)
Definitiv Nein! (Definitiv: Nein!)

Kommentare:

  1. Zwei tolle Konzertberichte, vielen Dank dafür. Es geht das Gerücht um, dass in Köln eine "Vorsicht Schreie" Promo verkauft wurde. Weißt Du etwas darüber?

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  2. Hi, danke! Am Merch-Stand gab es das Vinyl - und es kann eine Testpressung gewesen sein - von der Neueinspielung von 2004 oder so... ich würde Martin, den Sänger, einfach anschreiben...falls er noch eine hat.

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