Sonntag, 2. Februar 2014

Grauzone Festival @ Amsterdam, Melkweg 31.1.2014

Hotel (rechts) neben dem Melkweg
Ich bin vormittags nach Amsterdam mit dem Zug gefahren. Amsterdam mit dem Auto ist immer stressig. Zudem wollte ich sowieso über Nacht bleiben, so dass sich die Zugfahrt anbot. Mein Hotel - das Amsterdam Inn - liegt direkt neben dem Melkweg. Das war letztlich auch für den Weg nach dem Festival gut: war es tagsüber kalt und sonnig, hatte es am Abend angefangen zu regnen...so dass ich dann mehr als schnell im trockenen Hotelzimmer war. Schön war zudem, dass Martin dort auch ein Zimmer hatte. Ihn traf ich wie auch Rene, einen Holländer, den ich 2011 am gleichen Ort bei den Manics kennengelernt hatte. Auch wenn wir dann jeweils beim Festival unsere eigenen Wege gegangen sind, haben wir uns zwischendurch immer mal wieder kurz getroffen und ausgetauscht. So macht das alles dann besonderen Spass.
Ursprünglich war ich auf das Festival dadurch aufmerksam geworden, dass Peter Hook als Headliner spielen sollte. Und: weil ich schon letztes Jahr gerne gefahren wäre…aber da terminlich nicht konnte. Diesmal habe ich - als klar war, dass das jetzt klappen würde - systematisch alle anderen gelisteten Bands via YouTube angehört und bin auf einige interessante Bands gekommen. Das machte alles ein wenig komplizierter. Immerhin sollten die Bands an drei verschiedenen Orten im Melkweg spielen: im Max, dem Kleinen Saal und im Theater. Und: Neben Peter Hook war ich natürlich (!) auch auf Lydia Lunch gespannt gewesen. Dann wurde der Zeitplan veröffentlicht und warf für mich erst einmal alles durcheinander: wollte ich wirklich Peter Hook sehen, würde ich einige andere Bands verpassen. So war für mich klar, dass ich auf jeden Fall "The Estranged" sehen wollte. Die Alben dieser Band aus Portland sind fantastisch. Was also tun? Mehr und mehr wuchs in mir die Überzeugung, dass ich Peter Hook irgnorieren sollte. Damals in Eindhoven war er gut. Auch als gepostet wurde, dass er vor den ersten beiden New Order Alben einen kurzen Joy Division Set setzen würden, konnte mich das nicht mehr umstimmen. Und um es vorwegzunehmen: als ich das Melkweg nach "Belgrado" verlassen wollte, konnte ich noch die drei letzten Nummern von Peter Hook erleben...und es war wirklich nicht gut. Mehr noch: es hörte sich ziemlich scheisse an. Schade an sich...aber ich hatte die richtige Entscheidung getroffen.

Jah Wobble
Als erstes sah ich Jah Wobble. Ich hatte ihn 2010 in Hasselt gesehen und war damals schon beeindruckt. Jetzt war er mit einigen PIL-Stücken angekündigt. Doch was machte der gute Mann? Auf die ihm eigene Art kündigte er zu Beginn des Sets an, dass er und seine Mitstreiter - ein Drummer, ein Keyboarder und ein Trompeter - erst einmal Jazz spielen würden. Nix PIL - Jazz. Und das war...ernsthaft...saugut. Der Typ hat es wirklich drauf. Witzig war zudem, als er zum Ende des Sets unterbrach, damit der an sich von ihm hochgelobte Mensch am Mischpult doch seinen Bass ein wenig dreckiger machen sollten. Dummerweise kannte ich keines der Stücke. Soweit ich es verstanden haben, war es alle Versionen von irgendwelchen Helden Wobble's. Wie dem auch sei: ich stand da und genoss die für mich eher ungewohnten Klänge und dachte, dass es sich eigentlich schon deswegen gelohnt hatte, nach Amsterdam zu fahren. Viele andere fanden es wohl auch gut. Der Saal wurde voller und voller und kaum einer ging hinaus. Das ist bei einem Festival eh immer ein gutes Zeichen.

Eton Crop
Dann ging ich zwei Etagen hoch in den Theater-Saal - wobei das das kleinste Venue an dem Abend war. Hierbei ist anzumerken, dass das Melkweg ein wunderbarer Ort für so eine Veranstaltung ist. Freundlich, übersichtlich, jeweils ein guter Sound. Wunderbar. Im Theatersaal spielte gerade noch eine Band. Als die dann aufhörte leerte sich der Saal und ich konnte herein. Ich setzte mich direkt auf die kleine Empore und wartete auf Eton Crop - eine Band aus Holland, die Joost empfahl. Leider hatten die irgendwelche technischen Probleme, so dass ihr Set recht kurz ausfiel. Sie haben mich so ein wenig - aber der Vergleich mag hinken - an die englischen Nightingales erinnert. Es ist eine Band, die in den 80ern einiges veröffentlicht haben und wohl noch ab und zu spielen. Ich hatte jedenfalls vorher noch nie etwas von ihnen gehört. Im Ganzen fand ich den Set in Ordnung. Es ist so eine Band, die gut aber auch nicht umwerfend ist. Für die würde ich sicher nicht nach Holland oder überhaupt auf ein Konzert fahren. Aber in dem Setting war das ok. Zudem: ich hatte einen guten Platz und konnte so in aller Ruhe auf die Band warten, auf die ich mich am meisten gefreut habe: "The Estranged". Dafür musste ich leider die "Subhumans" links liegen lassen. Sie spielten im Kleinen Saal und Martin erzählte mir später, dass die Band ihn total umgehauen habe, so dass er wiederum dafür "The Estranged" verpasste. So ist das Leben.

The Estranged kommen aus Portland und werden so ein bisschen mit den Wipers verglichen. Sie sind auf jeden Fall ganz hervorragend. Ihre beiden letzten Alben habe ich in den Tagen zuvor hoch und runter gehört. Sie sind treibend, melodisch und gehen verdammt ins Ohr. Und: sie hatten den am besten Merchstand: alle Alben auch auf Vinyl und jede Menge unterschiedliche T-Shirts. Am Tag zuvor hatten sie in Köln gespielt...aber da hatte ich keine Zeit...und Mitte Februar spielen sie in Münster...und da werde ich auch keine Zeit haben.
The Estranged
Der Set umfasste 40 Minuten und 9 Stücke. Einige stammten von dem neuem Album und die anderem vom Album "The Subliminal Man", das der absolute Kracher ist. Das Trio spielte auf den Punkt und ich habe jede Minute von dem Set genossen. Das Wunderbare war zudem, dass diese Band ohne technischen Schnickschnack es hinbekommen hat, den Sound der Alben auf die Bühne zu transferieren. Das sind mir eh die liebsten Bands, die ihre Sachen auf die Bühne schleppen, die Gitarren einstöpseln und einfach losspielen. So soll es sein - so muss es sein. Auf dem Weg zum Ausgang - als ich merkte, dass ich einfach nicht mehr konnte - besorgte ich mir noch die beiden letzten Alben auf Vinyl und drückte dem Bassisten meinen Dank aus für ein tolles Konzert.

The Queen
Nach diesem Highlight ging ich wieder nach unten um Lydia Lunch zu bewundern. Nach dem Auftritt von "Big Sexy Noise" im letzten Jahr bin ich ja mit ihr versöhnt. Wobei - das muss ich auch ganz ehrlich sagen - das, was sie an diesem Abend darbieten würde, nicht unbedingt zu den tollen Sachen - in meinen Augen und Ohren - zählt. So fand ich es auch ganz interessant, dass das Magazin "Vive Le Rock" in der letzten Ausgabe die Wiederveröffentlichung der wenigen Songs von "Teenage Jesus and the Jerks" mit nur 5 Punkten von möglichen 10 bewertete und urteilte: "This never going to be an easy listen, but those who kick down barriers rarely come bearing the best melodies." Das trifft es auf den Punkt. Nun denn: Lydia Lunch trat mit Weasel Walter auf: sie mit Gitarre, er mit Bass und einigen Schlagzeugteilen. Und sie spielten das Wenige in einer knappen halben Stunde. Und es hatte was. Lydia Lunch ist eben eine "große Dame" des NoWave/Punk und es ist schon ein Ereignis, wenn so etwas auf der Bühne geschieht. Großes Kino!

Hier ein kleiner Eindruck zu sehen:


Belgardo
Nun sollte - für mich - das letzte Konzert folgen. Bei meiner Recherche fand ich dann auch die Band Belgrado vor - eine Band, die nicht aus Serbien, sondern aus Barcelona kommt. Die vierköpfige Band mit Sängerin, die hier und da mit der jungen Siouxsie verglichen wird, klang vielversprechend. Martin meinte, dass er die Aufnahmen zu Hallig findet, und so verschwand er dann auch nach zwei Stücken wieder. Ich fand den Auftritt ziemlich gut, auch wenn das Hallige irgendwann nervte. Dafür war aber der Sound insgesamt treibend - Bass und Schlagzeug klangen als Rythm-Section grandios, so dass ich an dem 40 minütigen Auftritt einfach Spass hatte. Als die Band dann ihre Set beendete, war klar, dass ich jetzt den Weg zum Hotel suchen würde. Ich war "durch". Ich kaufte - wie erwähnt - die beiden Alben von The Estranged und sah noch die letzten Songs von Peter Hook und freute mich, dass ich mir den nicht reingezogen habe. Im Hotel war es zwar trocken und einigermaßen warm (dank einer zusätzlichen elektrischen Heizung), aber es ging zu wie in einem Taubenschlag. Da mein Zimmer in unmittelbarer Nähe der Eingangstür lag, hörte ich diese bis zum frühen Morgen. Zwei doppelte Espresso halfen dann und ich bestieg um 8.00 Uhr morgens glücklich den ICE nach Deutschland. Wenn es geht, werde ich nächstes Jahr - in der Hoffnung, dass es ein Grauzone Festival Vol. 3 gibt - wieder dabei sein.

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