Sonntag, 9. August 2015

Rebellion Festival @ Blackpool, Wintergardens 8.8.2015 (Pt. 2)

Back to the Future
Als nächstes standen „The Astronauts“ auf dem Programm. Sie spielten im Pavilion. Die Astronauts gehören zu meinen Lieblingsbands. Sie stammen aus dem Hippie-Anarcho-Lager und haben in den 80ern zwei wunderbare Alben herausgebracht. 2011 habe ich sie schon einmal gesehen und es war fantastisch. Der Sänger sieht aus wie ein verrückter Professor – sehr eigen – und dieses Jahr ließ er einen feinen, wunderbaren Humor heraus. Mit seiner deutlich jüngeren Band spielte er einen tollen Set. Ich kannte zwar einige Songs nicht – aber das war alles andere als hinderlich. Auch wenn gerade von den beiden erwähnten Alben kein einziges Stück dabei war: diese Band ist nach wie vor wunderbar. Vielleicht liegt es daran, dass es in dem Sinne keine Retro-Band ist – wie die meisten auf diesem Festival. So sehr ich quasi den Back-Katalog des Punk genieße, so freue ich mich über solche Bands, die nach den vielen Jahren doch noch kreativ sind und etwas Neues produzieren.

Auf der Suche nach einem Platz zum Sitzen fand ich nur die Empore des Empress Ballroom. Da sah ich, dass sich gerade „The Boys“ auf ihren zweiten Auftritt vorbereiteten. Hmmmm. Ich setzte mich und beobachtete aus der Distanz – im wahrsten Sinne des Wortes – den folgenden Set. Der Eindruck vom „absteigenden Ast“ verhärtete sich von Song zu Song. Und von oben war auch zu beobachten, dass das Publikum zu weiten Teilen eher verhalten war. Normalerweise ist in diesem Konzertsaal sehr viel mehr los. Ich habe jetzt die Boys mit diesem Auftritt neunmal gesehen. Das reicht. Nichts ist trauriger, den Niedergang einer Band mitanzugucken.

Ich verließ dann die Empore und stellte mich direkt unten im Saal vor das Mischpult, da man sich da wunderbar an die Absperrung lehnen kann. Denn es sollten „The Adicts“ spielen. Ich habe diese Band vorher noch nie gesehen. Im Frühjahr 1983 hatte ich eine Karte für den Ratinger Hof, die aber verfiel, weil ich mich einen Tag vorher mit Fieber ins Bett verabschiedete – danach verpasste ich Band immer wieder. Ich war gespannt. Anfang der 80er habe ich die Adicts ausgiebig gehört. „Sound of Music“ habe ich sehr oft auf dem Plattenteller gehabt. Später habe ich die Veröffentlichen der Band nicht mehr wirklich wahrgenommen. Tja: der Auftritt war schon ziemlich gut. Musikalisch ist da nichts Neues zu erwarten. Die Band zehrt wie viele andere aus der Vergangenheit. Das macht sie gut – sehr routiniert...dabei aber nicht blutleer. Speziell ist bei den Adicts das, was der Sänger veranstaltet: nicht nur, dass er extrem extravagante Kostümierungen hat...andauernd (wirklich!) schmeißt er entweder irgendwelche Sachen (Stofftiere u.a.) ins Publikum oder schüttet Lametta in die Luft. Er müllt regelrecht die Bühne zu – was zu ungeplanten Situationen führt: da er u.a. speziell den Mikro-Ständer mit allem möglichen Zeug „dekoriert hat“, fand er auf einmal sein Mikro nicht wieder. Mit einem der Roadies versuchte er es wiederzufinden. Am Ende – also nach 2-3 Minuten – hielt er nur das Kabel in der Hand. Das Mikro fand sich dann unter einem der Müllberge. Manchmal war ich mir nicht sicher, ob das nicht Zuviel des Guten sei. Anderseits war es so abgedreht, dass es stimmig war. Großartig war dann das Ende als die Band „You never walk alone“ spielte und dabei ca. 25 große Bälle ins Publikum geworfen wurden. Wie dem auch sei: dieser Auftritt passte extrem gut zu Blackpool.

Ich entschied mich nun, an diesem Tag nur noch zwei Bands zu sehen: The Chords und evtl. die Newtown Neurotics...und falls die mies sein sollten: The Mob. Auf die Boomtown Rats würde ich verzichten. Das erwies sich als weise Entscheidung. Erzählte mir doch Alan eben, dass es ziemlich mies gewesen sein muss: wie eine Showband haben die Boomtown Rats die Stücke runtergespielt...zum Teil sehr langsam – zudem habe Bob Geldorf über das Festival hergezogen, so dass dann auch viele den Saal verlassen haben. Außerdem wollte ich auf die Buzzcocks verzichten. Ich hatte mir zwar noch ein schönes T-Shirt von denen gekauft. Aber live? Es wäre wieder verdammt spät geworden und ich muss gestehen: die letzten Alben waren durch die Bank eher langweilig.

Also „The Chords“ im Pavilion. Ich traf dort Dave und auch Paul stand auf einmal hinter mir und erzählte, dass er die Band vor kurzem gesehen habe und sehr begeistert sei. Und er hatte Recht. Die Chords – von denen - so mein Freund Joost - jemand aus Berlin mal gesagt hat, sie seien die besseren Jam gewesen – überzeugten voll und ganz. Auch wenn hier nur noch Chris Pope als Originalmitglied dabei ist, spielte die Band ca. 10 Songs aus alten Tagen. Voller Dynamik, tolle Melodien. Ich stand da und konnte erahnen, wie diese Band in den 70ern in kleinen Clubs das Publikum zum Toben gebracht hat. Und so sehr The Jam mag und der Jam-Vergleich vielleicht nicht ganz stimmt: diese Band hat wunderbare Songs hervorgebracht und ich bin froh, dass ich diese Band sehen konnte. Toller Set.

Jetzt war ich sehr gespannt: die Newtown Neurotics hatte ich das letzte Mal 2011 in Blackpool gesehen. Damals war das nicht besonders gut gewesen. Die Begleitband von Steve Drewett war den Songs nicht gewachsen gewesen – es lief einfach nicht rund. Jetzt war aber wieder der Original-Drummer dabei. Und was war der Effekt? Alles stimmte! Und das war großartig. Die Newtown Neurotics spielten eine wunderbare Mischung: „When the Oil runs out“ war dabei wie auch „Keep The Faith“ vom letzten Studio-Album. Sicherlich: Steve Drewett ist speziell. Ein Egomane wie er im Buche steht. Typisch beim Vorstellen der Band, dass er sich zu erst nannte. Aber so ist er eben. Ich war auf jeden Fall sehr froh, dass diese Band, die ich speziell in den 80ern so intensiv gehört habe, wieder in so einem guten Zustand ist. Nichts ist schlimmer, wenn an sich wunderbare Bands so abkacken – so wie z.B. bei Rezillos.

So ging ich wieder lächelnd zurück ins Hotel. Was für ein wunderbarer Tag.

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