Sonntag, 13. September 2015

Jello Biafra And The Guantanmo School Of Medicine & Phonautics @ Bochum, Bahnhof Langendreer (11.9.2015)

Jello Biafra
Ich bin auf dieses Konzert durch meinen Freund Joost aufmerksam gemacht worden. Ich hatte das gar nicht auf dem Schirm und so kaufte ich mir direkt eine Karte für dieses Konzert. Das erwies sich als weise, da am Ende der Auftritt in Bochum ausverkauft war.
An dieser Stelle gibt es Verschiedenes zu Beginn zu erwähnen.
Ich habe die Dead Kennedys leider nie live gesehen. Als die Band 1980 auf ihrer ersten Deutschland Tour war, erfuhr ich vom Auftritt in Bielefeld erst zwei Tage danach. Dummerweise war es auch noch einer meiner damaligen Kommilitonen, der mit dieser Musik eigentlich gar nichts am Hut hatte. Ein Freund hatte ihn überredet, zum Konzert zu fahren. Und so erzählte er mir in der Cafeteria in der Uni eines Morgens von einem brachialen Auftritt. Danach bekam ich heraus, dass einige Tage später die Band noch in Bonn sein würde. Aber damals gab es für mich keine Chance da hin und vor allem wieder zurückzukommen. Später habe ich Band nach der 12-Inch "In God We Trust" ein wenig aus den Augen verloren. Und irgendwann löste sich Band auf. 2011 spielte Biafra dann mit seiner aktuellen Band in Blackpool. Ich verpasste ihn aber auch dort, weil irgend eine andere Band parallel auftrat, der ich den Vorzug gab. Ich hörte aber, dass Jello Biafra famos gewesen sein muss. Dann erlebte ich letztes Jahr in Blackpool Jello Biafra von einer ganz anderen Seite: nicht nur dass er einen guten DJ-Set hinlegte, er tanzte bei UK Decay in der vierten Reihe und hatte einfach Spass. Und jetzt sollte er im Bahnhof Langendreer spielen. Mit dieser Location verbinde ich sehr schöne Erinnerungen aus meiner Bochumer Zeit: sehr oft war ich dort mit Cor und FreundInnen. In den 80ern fanden die Konzerte in der Zeche statt und im Bahnhof Langendreer konnte man gut abhängen und es gab eine Disco immer Freitags, die ziemlich gut war. Wie dem auch sei: der Bahnhof ist ein guter Ort und derzeit finden da viele Konzerte statt und das ist gut.
Ich fand ganz in der Nähe vom Bahnhof einen Parkplatz und trank noch in der Kneipe einen Espresso. Da der Konzertraum eine Empore besitzt, versuchte ich recht früh dort hinaufzukommen - was ich schaffte. Angesichts eines ausverkauften Konzertes erschien mir die Empore eine gute Wahl und stand ich dann direkt an der Brüstung. Perfekt!

Selbsthilfegruppe
Als Support spielte eine Band aus Dortmund: die Phonautics. Was soll ich sagen? Es war wirklich ganz schlecht. Irgendwie setzte sich in den 45 (!) Minuten das Gefühl fest, dass es sich bei dieser Band um eine Art Selbsthilfegruppe handelt, die ab und zu (die Homepage der Band gibt zu verstehen, dass die über die Jahre relativ wenig Konzerte gegeben haben)aus dem Proberaum rausgelassen wird, um schlechte Musik zu verbreiten. Ich habe wirklich schon viele schlechte Vorbands gesehen. Manche, die technisch einfach unter aller Sau waren - andere, die einfach nur belanglos waren - wiederum andere, die sich vor allem durch miese Cover-Versionen auszeichneten. Aber diese Band hat noch alles unterboten. Ne Ne Ne.

Dann kam pünktlich um 21.30 die Band von Jello Biafra auf die Bühne. Und es folgte einer der besten Auftritte, die ich in diesem Jahr gesehen habe...und ich habe in diesem Jahr schon viele tolle Konzerte gesehen. Jello Biafra ist zum einem ein charismatischer Sänger. Er redet viel und auch gerne - aber das ist ok. Weil es zur Musik und überhaupt zum ganzen Setting passt. Und für seine Mitte-Fünfzig gehört er nach wie vor zu den Musikern, die bei einem Auftritt alles geben. Es war der letzte Auftritt auf der Tour und da war von Ermüdungserscheinung nichts zu spüren. Zum anderen überzeugt Jello Biafra auch dadurch, dass er mit seinem vollen Körpereinsatz und seiner Mimik/seinen schauspielerischen Einlagen den Songs noch mehr Würze gibt. Das hat schon einen großen Unterhaltungswert. Der Umstand, dass er mit Mitte Fünfzig es auch noch wagt, sein T-Shirt bei den Zugaben auszuziehen und einen doch nicht unerheblichen Bierbauch zum Besten zu geben, ist auszuhalten. Dass er dann auch noch mehrfach unter Beweis stellt, dass man auch in diesem Alter "stagediven" kann, ist beeindruckend. Schon deshalb, weil er das noch hinbekommt und der Schwerkraft ein Schnippchen schlägt. Gleichsam war ich froh, dass dieses musikalische Schwergewicht nicht auf mich springen konnte. Schließlich ist das, was Jello Biafra auch noch heute zu sagen hat, gut und wichtig. Hierbei ist erwähnenswert, dass er zur Einleitung von "The Brown Lipstick Parade" sogar Frank Zappa erwähnte, der laut Biafra den Begriff "Brown Lipstick" als Synonym von Korruption erfunden habe. So kam der gute alte Frank Zappa noch einmal zu Ehren. Cool.
Good Medicine!
Und: Zur Seite stand Jello Biafra eine fantastische Band, die einfach perfekt auf den Punkt spielte. So macht ein Konzert Spaß. Da passte alles, was auch die Setlist zeigte. Denn die bestand aus Songs der beiden Alben und der einen oder anderen B-Seite von "Jello Biafra And The Guantanmo School Of Medicine" - garniert mit einigen Klassikern der Dead Kennedys. Das war eine wunderbare Mischung. Grandios.
Und das Publikum? Im Ganzen ging das ab wie ein Zäpfchen. Es war wohl niemand im Bahnhof, der nicht von diesem Auftritt hingerissen war. Negativ war nur, dass es auch ein paar Idioten gab - wie immer. In diesem Fall stach - von oben konnte ich das wunderbar betrachten - ein Pärchen hervor: eine - so vermute ich - alkoholisierte Frau mit Begleiter, die schon sehr auffällig an der Bühne tanzte...was nicht das Problem war...aber dann immer versuchte, Jello Biafra zu berühren und an ihm zu zerren. Das fand der wiederum total kacke und nachdem der Roadie der Band die Frau bzw. das Pärchen dreimal aufgefordert hatte, das sein zu lassen, und das nichts genützt hat, wurden die beiden kurzerhand - ich vermute - rausgeschmissen. Es ist schon merkwürdig, dass - ob betrunken oder nicht - Menschen sich zu einer solchen Distanzlosigkeit hinreißen lassen. Würden die gerne auf der Straße oder im Bus von anderen angefasst werden? Wohl eher nicht. Von daher war die Reaktion, die beiden "hinauszubitten" mehr als verständlich und richtig. Selbst schuld.
So verließ ich nach einer gut 90minütigen Show glücklich den Bahnhof Langendreer - ging die wenigen Schritte zum Auto und war noch vor Mitternacht wieder zuhause.






Das war die Setlist:

Strength Thru Shopping
John Dillinger
New Feudalism
Road Rage
Barackstar O'Bummer
Mid-East Peace Process
California Über Alles
The Brown Lipstick Parade
Government Flu
Werewolves of Wall Street
Nazi Punks Fuck Off
Pets Eat Their Master
- Encore -
Chemical Warfare
Three Strikes
Holiday in Cambodia
- Encore -
Too Drunk Too Fuck
Crapture



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