Samstag, 12. November 2016

Breaking Barriers Festival @ Leuven, Het Depot (11.11.2016)


Spätestens als ich am Düsseldorfer Hauptbahnhof ankam, wusste ich, dass es der 11.November ist. Jecken ohne Ende. Dagegen dann der Kontrast in Belgien - auf dem Weg nach Leuven: fast alle Geschäfte geschlossen. Feiertag: Erinnerung an den Waffenstillstand im 1.Weltkrieg. Was für ein Kontrast.
Im Het Depot sollten 6 Bands spielen: zwei belgische Bands - Overweight und Funeral Dress - sowie die Membranes, Goldblase, Ruts DC und The Damned. Also ein langer Nachmittag/Abend. Entsprechend habe ich es mir auch geleistet, mit der Bahn/dem Bus nach Belgien zu fahren und dort - 1 Minute vom Venus entfernt - im Hotel zu übernachten. Das war auch gut so: The Damned begannen auch erst um kurz vor Mitternacht. Die Heimfahrt im Auto wäre die Hölle gewesen.
Im Het Depot war ich schon vor einigen Jahren gewesen: TV Smith and the Valentines mit den Untertones. Damals sah das Het Depot noch ziemlich abgerissen aus. Mittlerweile ist es renoviert worden. Guter Laden. Bis - und hier nehme ich mein einziges Ärgernis vorweg - auf den Menschen, der für die Beleuchtung für die Bühne zuständig war. Boah. Selten habe ich so eine Scheisse erlebt. Der hatte im extremen Maße ADHS und noch einiges anderes: der schafften es ernsthaft, "manuell" einen Stroboskop-Effekt hinzubekommen. Allein bei den Damned wurde er vom Bandeigenen Light-Guy abgelöst. Aber das war anstrengend. Und wenn ich schon beim Meckern bin: sowohl in Belgien wie auch in den Niederlanden quatschen die Leute bis zum Abwinken.
Aber ansonsten? Toll.
Ich war schon früh am Venue - wer mich kennt, kennt das. Anfangs sah das echt mau aus. Kaum Leute. Dafür hatte ich die Gelegenheit länger mit John Robb zu reden. John Robb ist der Sänger der Membranes/von Goldblade. Außerdem ist er derjenige, der das Oral-History für den englischen Punk geschrieben hat. Er hat zudem einen eigenen Blog (Louder than War) und meldet sich eigentlich zu allem, was musikalische geschieht, zu Wort. Kluger Mann und auf der Bühne eine Rampensau. Ich hatte ihn schon öfters in Blackpool gesehen und auch gesprochen. War ein sehr nettes Gespräch über das, was alle derzeit umtreibt: Trump und das Gelärm der Populisten/der Rechten weltweit.

Overweight
Als erste Band spielten dann "Overweigt" aus Belgien. Fünf Menschen, die eine nette Form von Skapunk spielten. Unterhaltsam - nicht besonders nachhaltig. Aber als Opener waren die eigentlich ideal. Dumm war nur, dass vielleicht 20 Menschen dem beiwohnten. 17.20 war nicht die Zeit, wo schon viele da waren. Eine gute halbe Stunde spielte die Band und nahm den Umstand des fehlenden Publikums sportlich. Nun denn. Was erwähnenswert ist, dass der Sänger zugleich auch Posaune spielte. Dabei ist der nicht ganz so abgefahren wie der Sänger von Random Hand, der es fertig bringt, zu all dem auch noch wie ein Verrückter rumzuspringen. Aber es ist schon beeindruckend, was für ein Lungenvolumen solche Menschen haben müssen.

John Robb zum Ersten: Membranes
Dann kamen die "Membranes". Auf die war ich sehr gespannt. Das neue Album wird ja hoch gelobt. Und 2015 in Blackpool habe ich sie mir nicht angesehen, weil irgendeine andere Band Priorität hatte. Hatte ich mir bei John Robb dieses Album (Dark Matter/Dark Energy) vorher noch gekauft, saß ich da direkt hinter dem Mischpult und war gespannt. Vor Jahren besaß ich eine CD mit frühen Membranes-Songs. Das hatte mich nicht wirklich vom Hocker gehauen. Doch das, was die Band da aktuell auf die Bühne bringt, ist schon beeindruckend. Ganz anders als Goldblade. Sind Goldblade eher eine klassische Punkband, ist das Label "Postpunk" für die Membranes angebracht...auch wenn dieses Label ja alles und nichts sagt. Gerade dieses aktuelle Album beinhaltet einen Stilmix, bei dem alles Mögliche wiederzuentdecken ist: bis hin zu Krautrockelementen findet sich viel in diesem Sound, der auch etwas Schrammliges hat. Irgendwo las ich, dass sich die Band stilmäßig irgendwie zwischen alle Stühle setzt. So ist es. Und darin sind sie wirklich interessant. Da John Robb bei den Membranes den Bass spielt, agiert er notgedrungen verhaltener. Leider spielten auch die Membranes nur ein wenig mehr als eine halbe Stunde. Da hätte ich mir sehr viel mehr gewünscht. Hoffentlich kommen sie mal auf Tour nach Deutschland. Das hatte John Robb wenigstens angedeutet.

Funeral Dress
Als Drittes spielten "Funeral Dress" aus Belgien. Streetpunk. Eine Band, die aus der Anarchoszene kommt. Nicht schlecht. Und dann doch auch langweilig. Auch im Rückblick: auf die Band hätte ich wirklich verzichten können. Da war nichts eigenes. Einfach nur eine Variation vom Längsbekannten. Hmmmm. Anderseits füllte sich bei der Band erstmals der Saal soweit, dass ich nicht mehr das Gefühl hatte, es wäre kaum jemand da. Das war auch der einzige Wermutstropfen bei den Membranes: es war mehr als 20 - aber keine 50 Menschen, die da zuhörten. Jedenfalls scheinen "Funeral Dress" in Belgien bekannt zu sein. Es waren viele, die die Band abfeierten und ihren Spaß hatten. Vom Äußeren machte übrigens der Sänger der Band den Eindruck als dass er ein großer Fan vom Subhumans/Citizen Fish Sänger ist: ähnlich abgerissen und ein vergleichbarer Stil auf der Bühne. Als Nachtrag: bevor ich in das Venus hineingegangen war, war ich im Cafe neben dem Het Depot gewesen: da war so eine Art Plattenbörse, wo aber nur Menschen aus der linken Szene Tische hatten. Insgesamt scheint die Linke Szene/Anarchoszene in Belgien recht vital zu sein. 95% der Bandnamen - und das waren nicht wenige - hatte ich noch nie gehört. Interessant, was man so alles entdecken kann.

John Robb zum Zweiten: Goldblade
Dann kamen "Goldblade". Diese Band hatte ich schon mehrfach in Blackpool gesehen. Hier lebt John Robb seine Punkrockhormone aus. Wie ein Derwisch springt er über die Bühne und animiert das Publikum nicht nur näher an die Bühne heranzukommen, sondern auch "bei ihm" zu sein. Auch wenn die Setlist - bis auf ein neues Stück - keine Überraschung bereithielt - was ich auch nicht erwartet hatte - war der Auftritt mal wieder sehr gut und unterhaltsam. Sicherlich: in England grölen die Leute vom ersten Ton lautstark mit. Das war jetzt hier nicht oder Fall. Trotzdem wußte John Robb das Publikum zu nehmen. Und als er dann bei "Do you believe in Rock'n'Roll" wieder die Nummer abzog, wie in einem charismatischen Gottesdienst Einzelnen die Hand aufzulegen und ihnen die Frage zu stellen, ob sie den an die Kraft des Rock'n'Roll glauben würden, war deutlich, dass Goldblade auch in Belgien ankommt. Das ist schon spannend: John Robb ist ein sehr guter Schreiber/Journalist, ein guter Redner und eben ein Charsimatiker: quasi ein Prediger.

Ruts DC
Ich merkte nun langsam, dass ich müde wurde. Nicht müde der Musik - sondern müde angesichts eines langen Tages und einer langen Woche. Gut, dass ich meinen Platz hinter dem Mischpult hatte. So konnte ich "Ruts DC" vollkommen genießen. Auch die Band hatte - wie später The Damned - einen eigenen Mischer dabei. Wo das manchmal bei solchen Gelegenheiten in die Hose geht, war das jetzt genau richtig. War vorher der Sound nicht schlecht aber auch nicht wirklich gut, änderte sich das sofort. Der Typ von den Ruts DC an den Reglern hatte ein gutes Händchen.
Ruts DC haben ja jetzt ein neues Album - und das ist gut. Rockiger - aber wirklich gut. Hatte die Band im letzten Jahr schon zwei Stücke des Albums in der Setlist, so nahm das Album "Music Must Destry" jetzt mehr Raum ein. Unter dem Strich war es ein Mix aus alten Ruts-Songs, einem (!) Ruts-DC Lied "Mighty Solider" und eben 5 Titeln des neuen Albums. Und spätestens hier ist zu erkennen, wie sich die Band - ganz positiv - verändert hat. Konnte man bisher nicht ganz den Eindruck abstreifen, dass Ruts DC doch nur eine Band sei, die Altes wieder aufwärmt - und das aber auf höchstem Niveau - so zeigt sich jetzt, was noch so in diesem Trio steckt: der Weg geht weiter. Und gerade dieser Mix aus Altem und Neuem hat etwas ganz Besonderes. Ich hoffe also inständig, dass diese Band im nächsten Jahr wieder nach Deutschland kommt. Das war schon ziemlich gut.

The Damned
Als Grande Finale betraten dann um 23.45 „The Damned“ die Bühne. Eigentlich kann nach dem fantastischem Auftritt in der Royal Albert Hall nichts mehr toppen. Um es vorweg zu nehmen. Dieser Auftritt konnte dem in der RAH nicht das Wasser reichen. Aber wie sollte das auch gehen? Unter dem Strich war es trotzdem grandios. Es ist einfach eine phantastische Band – und in der aktuellen Besetzung eh kaum schlagbar.
Der Auftritt in Leuven stand nun zwischen der gerade abgeschlossenen USA-Tour und der direkt am Tag nach Leuven startenden Tour in England. Dort wurde damit geworben, dass die Band das erste Album komplett spielen würden. Würden sie das auch in Leuven tun? Sicherlich: diese derzeit grassierende Manie, irgendwelche Alben in voller Länge und in Original-Reihenfolge zu spielen, hat (auch) etwas Merkwürdiges...Museales. Gleichfalls kann das auch ganz gut funktionieren. Doch als der Mischer vor mir die Setlist aufs Soundboard legte, war klar: heute nicht. Heute war eher ein Festival-Set angesagt. Immerhin waren es am Ende fast 1 ½ Stunden, die die Band auf der Bühne verbrachten. So waren es die Rosinen, die für das Publikum herausgesucht wurden. Auffällig war dabei (mal wieder), dass einige Alben dabei nicht berücksichtigt wurden: Music For Pleasure, Grave Disorder oder Paranoid. Also ein Best-Of Set. Das war ok.
Der Captain war wieder gut aufgelegt. Dabei eine banale Randbemerkung: relativ zu Beginn ging ich zum Merchstand der Bands und da kam mir Captain Sensible entgegen. Ich hatte ihn bisher immer nur auf der Bühne gesehen... und da sind ja die Proportionen „realtiv“ – will sagen: wenn jemand klein von Statur ist, dann fällt das nicht unbedingt auf. Beim Captain war ich erstaunt, wie groß er ist. Wunder der Optik. Jedenfalls – um auf die gute Laune des Gitarristen zurückzukehren – machte Sensible wieder wunderbare Witze. Und er machte auch welche...wohlwissend, dass da viel Ernst mitverpackt war..., die dann auch leicht im Halse stecken blieben: so widmete er „I Just can’t be happy today“ Hillary Clinton, wobei er vorher anmerkte, wie schlecht diese Kandidatin doch gewesen sein muss, dass sie es nicht geschafft hat, Trump zu verhindern.

Da ich – wie schon gesagt – hinter dem Soundboard saß, hatte ich beste Sicht und konnte in Ruhe die Band beobachten. Kürzlich las ich einen Artikel, der sich mit der Band Ende der 90er befasst hat und in dem angemerkt wurde, wie schlecht The Damned damals oft – viel zu oft – waren. Das lag wohl damals daran, dass der Captain öfters besoffen auf der Bühne stand und dass eben die Rhythm-Section suboptimal war. Bei dem aktuellen Drummer und Bassisten ist es auf jeden Fall so, dass die eine sichere Bank für die Band sind. Sie geben den Rahmen für die anderen: der Captain, der sein grandioses Gitarrenspiel da einbauen kann – für Monty, der seine Keyboards einstreut – und für Dave Vanian, der meines Erachtens wirklich einer der besten Sänger in diesem Genre ist. So zeigen sich The Damned als eine Band, die bestens harmoniert und auch nach 40 Jahre bestens zu unterhalten weiß. Wunderbar.
Gegen 1.30 war ich dann im Hotel. Irgendwann bin ich dann – leicht aufgekratzt – auch eingeschlafen. Zufrieden – auch ziemlich platt.

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