Montag, 7. August 2017

Rebellion Festival, Blackpool - Wintergardens (6.8.2017)

Grande Finale
Das Grande Finale! Der letzte Tag. Und – um es vorwegzunehmen – er fing super an und endete mit einem wahren Paukenschlag.

Pete Bentham and the Dinner Ladies
Im „Opera House“ spielte zuerst „Pete Bentham and the Dinner Ladies“. Pete Bentham ist ein Künstler aus Liverpool, der durch Texte, Performance usw. eine wunderbare Verbindung von Humor und wirklich guten Songs hinbekommt. Das Quartett inkl. einer Saxophonistin wurde von zwei Dinner-Ladies-Tänzerinnen ergänzt, die jeweils außen auf der ausreichend großen Bühne synchron tanzten oder irgendwelche zu den Songs passenden Dinge taten. Das hat als Einstieg in den Tag nicht nur Spaß gemacht. Wiederum: wo es zu Beginn des Tages oft von den Besucherzahlen noch sehr übersichtlich gestaltet, war es für die Liverpooler ziemlich gut gefüllt. Absoluter Tip. Pete Bentham kommt auch ab und zu nach Deutschland auf Tour.

Inca Babies
Danach spielten die aus Manchester stammenden „Inca Babies“. Ich muss zugeben, dass ich nur den Namen kannte und eins oder zwei Stücke vor irgendwelchen Samplern aus den 80er Jahren. Ich saß da und erwartete entsprechend nicht viel. Der Sound ist – sehr vielsagend! – „postpunk“ tendenziell düster. Und die waren gut. Ich kannte zwar keinen einzigen Song, aber die Band spielte einen ziemlich guten Set. In der Hälfte des Auftritts stand auf einmal ein Trompeter auf der Bühne und der Sänger meinte lakonisch, dass er mal ein wenig Jazz in den Punk bringen wolle. Und das hörte sich klasse an. Solche Variationen sind genau das, was Musik interessant macht. So war ich positiv überrascht.
Aber es sollte noch besser werden...aber nicht direkt.

Rock'nRoll Gypsies
Denn auf die Inca Babies folgte eine Band, von denen ich noch nie gehört hatte: „Rock’n’Roll Gypsies“. Der Name allein ist irgendwie komisch. Neugierig wollte ich sehen, was sich dahinter verbarg. Am Ende entpuppte sich das als „Projektband“ u.a. mit dem schon gestern erwähnten Chelsea-Bassisten und Monique aus Düsseldorf. Der Set war nun alles andere als mein Ding: sehr rockig. Aber gut gespielt und Monique hat eine gute Stimme. Jedenfalls war ich über diese Konstellation so überrascht, dass ich mir den ganzen Set anguckte. Im Sitzen ist das eh ok. Und ob ich mein Baguette im Cafe oder im Opera House esse: das weiche Weißbrot schmeckt so oder so mäßig. Also: kein Highlight. Aber da die Band das auch für eine gute Sache macht, war das mehr als in Ordnung.

Urban Dogs
Auf die nächste Band im Opera House war ich sehr gespannt: die „Urban Dogs“. An sich eine Band von Charlie Harper und Alvin Gibbs von den UK Subs zusammen mit Knox von den Vibrators. Letzterer war aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, nach Blackpool zu kommen. Für ihn spielte der eine Gitarrist der „anderen“ Sham 69 (also die ohne Jimmy Pursey), der wohl mal ganz am Anfang bei den „eigentlichen“ Sham 69 dabei gewesen war...oder wie auch immer es gewesen ist. Die „Urban Dogs“ sind – unter dem Strich eine Blues-Version der UK Subs. Das ist nicht böse gemeint. Aber allein die beiden UK Subs Songs „Limo Life“ und „Warhead“ zeigten das: anders arrangiert – eben als Blues-Nummern – hörten die sich sehr interessant an. Auch die anderen Songs waren gut. Also das ist eigentlich nicht wirklich so mein Ding, aber das hatte schon was. Und es hatte allein insofern etwas Besonderes, als dass Liveauftritte dieser Band extrem rar sind. Und es waren auch viele Menschen in das Opera House gekommen. Charlie Harper ist eben ein Magnet. Er ist ein Original. Und wie er auf dem Festival – am Merch stehend – mit den Leuten umgeht, ist schon sehr sympathisch.

Vibrators
Es folgten die „Vibrators“ und das Opera House war vollbesetzt. Zu meiner Überraschung spielte wieder der Gitarrist, der vor Jahren dabei war – und dessen Name mir gerade nicht einfällt....der früher bei den Members dabei war. Der andere – der in den letzten Jahren gespielt hatte, wurde...so erzählte es mir Gareth...wegen zu viel Trunkenheit rausgeworfen. Es war ein energiegeladener Auftritt. Das haute richtig rein. Die Band nutzte jede Sekunde ihrer Zeit auf der Bühne. Vielleicht war das einer der besten Auftritte, den ich bisher von den Vibrators erlebt habe. Und noch etwas: angesichts des Gitarristen spielte die Band auch „Sound of the Suburbs“ von den Members. Im Vergleich zu den Members zwei Tage zuvor, wurde deutlich, wie gut oder schlecht ein Song gespielt werden kann. Ich dachte auf jeden Fall sofort bei der Vibrators Version, dass es doch besser gewesen wäre, wenn die auch die anderen Members-Stücke gespielt hätten. Die Vibrators zeigten sich also von ihrer besten Seite. Hochachtung!

Zounds
Dann kam eine Band, auf die ich mich besonders gefreute habe: „Zounds“. Ich werde nie vergessen, als mir Joost das erste Album vorspielte und auch auslieh. Ich sehe jetzt noch die TDK-Kassette vor meinen Augen, die ich damals sehr oft in den Rekorder reingeschoben habe. Ich kaufte dann auch nach und nach alle Singles. Es gibt eigentlich keinen einzigen Song aus dieser Anfangsphase der schlecht oder mittelmäßig ist. Leide habe ich die Band nie gesehen. 2015 in Blackpool spielten sie am letzten Tag ganz zum Schluss und da war ich vollkommen durch und hörte auch, dass der Sänger vollkommen betrunken gewesen sein muss. Jetzt war er nicht betrunken...machte aber einen körperlich und psychisch angeschlagenen Eindruck. Trotzdem spielte die Band einen hinreißenden Set, in dem das erste Album und einige Single-Tracks vertreten waren. Absoluter Hammer. Dazu der tolle Sound des Opera Houses. Ich saß da glücklich und zufrieden.

Ballspiele
Dann kam ein Break für das Essen und ich ging recht früh in den „Empress Ballroom“. Und da sah ich noch den Restauftritt von „The Last Resort“: eine Skindhead/Streetpunk Band. Hmmm. Musikalisch ging das sogar noch. Aber ich bekomme immer ein ungutes Gefühl, wenn ich diese Bands sehe: Grauzone! Witzig war aber, dass eines zur Attitüde der Band bzw. des Auftritts nicht zusammenpasste. Hatten vorher „Dirt Box Disco“ den Empress Ballroom zum Kochen gebracht, hatten die wohl auch große Standbälle unters Publikum geschmissen. Davon waren noch einige da und wurden immer wieder auf die Bühne geworfen. In gewisser Weise wurde die „ernste“ Botschaft der Band so unterlaufen und immerhin bewies die Band auch Humor, in dem sie die Bäller immer wieder zurück ins Publikum kickten. Ich war da übrigens auf der Empore – direkt gegenüber der Bühne. Da wurde ein Stuhl frei neben einem wirklich sehr, sehr dicken Skinhead. Ich fragte ihn, ob ich mich neben ihn setzen könne bzw. ob er mir Platz machen könne. Er war ernst furchteinflößend, aber er machte mir Platz, was aber dazu führte, dass auch andere aufgrund seiner Leibesfülle aufstehen mussten. Kleine Frage – großer Aufwand. Als er dann endlich wieder saß...es ist ein Wunder, dass der Stuhl das überhaupt ausgehalten hat, wandte er seinen Kopf zu mir...und lächelte...und ich sah, dass ihm einige Zähne fehlten. Wie gut, dass sich Rebellion dadurch auszeichnet, dass es extrem friedlich dort zugeht.

Anti Pasti
Es waren jetzt noch drei Bands auf dem Programm – für den Empress Ballroom. Zunächst sollten „Anti Pasti“ spielen. In den frühen 80er Jahren hatte die Band zwei ziemlich gute Alben. Dann hat sich die Band vor ein paar Jahren wieder zusammengetan und sogar ein neues Album eingespielt. Mit dem Original-Sänger gab es dann wohl Krach und nach einigen Umbesetzungen sprang für das Festival der Sänger von Chron Gen ein. Letztes Jahr (?) hat die Band auch in Düsseldorf gespielt und ich hörte an sich nur schlechte Reaktionen: kaum altes Material und das alte war kaum wieder zu erkennen. Ich kann das jetzt auch bestätigen. Es war einer der schlechtesten Auftritte, die ich dieses Wochenende gesehen habe. Auch wenn der Sänger sehr textsicher war, auch wenn die Band technisch nicht schlecht gespielt hat: es war so etwas von seelenlos. Nur schnell...und bei der Band ist das eher nicht gut. Und selbst das an sich tolle Stücke „No Government“ war ziemlich verhunzt. War der Empress Ballroom bis zum Oxygenenzug immer vollgefüllt, war er bei der Band vielleicht zu einem Viertel belegt. Also das ist eine Reunion, die besser nicht stattgefunden hätte.

Richie Ramone
Gespannt war ich dann auf „Richie Ramone“. Neben Marky und CJ ist er der dritte der Überlebenden Ramones (aus der zweiten Reihe), die mit Band touren. Er hat mittlerweile zwei Solo-CDs rausgebracht, die beide „ok“ sind. Als ich die Ramones mein einziges Mal gesehen habe – 1985 in Bochum – saß er am Schlagzeug. Wie auch die beiden anderen hat er recht junge Musiker dabei. U.a. auch eine Bassistin, mit der er wohl jetzt auch zusammen ist: alter Mann...junge Musikerin. Was soll ich nun zu dem Auftritt sagen. Der Sound war wirklich ganz mies. Ist er im Empress Ballroom eh nie besonders gut, war das bisher fast das schlechteste, was ich rein akustisch geboten bekommen habe. Aber der ganze Auftritt war auch nicht viel besser. Es ist ok, wenn er das eine oder andere Stück – der Ramones – umarrangiert hat. Aber wenn man ein tolles Stück wie „Somebody put something in my Drink“, das er ja geschrieben hat, so versaubeutelt, dass es a. kaum wieder zu erkennen ist und b. als ich es endlich wieder erkannt habe all das Besondere verloren hat, was es vorher ausgemacht hat. Also: das war wirklich ein Enttäuschung. Dagegen half auch nicht, das Richie Ramone abwechselnd Schlagzeug spielte und dabei sang...was wirklich eine besondere Leistung ist...und dann wieder vorne am Mikro stand. Ne. Das war nichts.

Das Finale war ein „Grande Finale“: die „Skids“. Im Sommer 1980 habe ich diese Band ausgiebig gehört. Die beiden ersten Alben sind der absolute Hammer. Wobei ich „Days in Europe“ immer einen Tacken besser fand. Auch „Absolute Game“ – das dritte Album – ist sehr gut. Leider sind die kaum auf den Kontinent gekommen. Jedenfalls haben sie in Deutschland – soweit ich weiß – niemals gespielt. Schon vor einigen Jahren gab es eine Reunion. Natürlich ohne Stuart Adamson, der sich vor Jahren tragischerweise das Leben nahm. Aber die Reunionshows fanden allesamt um 2010 in Schottland statt. Und nun waren sie 2017 wieder da und haben sogar ein neues Album aufgenommen...und standen da jetzt im Empress Ballroom.
Skids
Und was soll ich sagen: es war das beste Konzert – für mich – auf diesem Festival. Da stimmte alles. Die Band hatte ihren eigenen Mischer dabei, der die Kunst beherrschte, in diesem Venue einen guten Sound hinzubekommen. Die Band spielte fantastisch. 80 Minuten hauten die einen Hit nach dem anderen raus. Alle hatten einfach Spaß. Und Richard Jobson – der Sänger – war in absoluter Topform. Er tanzte herum und seine Stimme ist so wie „damals“. Wenn es ein wirklich gelungenes Reunion in diesem Jahr gegeben hat, dann war es dieses. Obwohl es schon sehr spät war und ich unter anderen Umständen längst ins Hotel zurückgekehrt wäre, stand ich da und mein Herz war voller Freude. Brilliant. Ich hatte es gehofft, da ich via Pledge mir den Live-Mitschnitt vom Konzert aus dem Roundhouse im Juni zugelegt hatte und eben schon hören konnte, wie die Band heute klingt. So fantastisch die Live-CD ist: vor der Bühne zu stehen und diese Band live zu erleben, hat alles getoppt. Ab und zu schaute ich um mich: überall waren nur lächelnde/grinsende Gesichter. Alle sangen mit. Es wurde getanzt. Niemand stand einfach nur da. Absoluter Hammer! Müsste ich heute eine Top 15 der für mich besten Konzerte der letzten 40 Jahre aufschreiben: dieses Konzert wäre definitiv dabei.


Als sich die Masse dann langsam aus dem Empress Ballroom herausbewegte, stand ich draußen. Frische Luft. Dass es regnete, war nicht weiter schlimm. Der Weg zum Hotel war kurz. Ich traf Nick, den Hotelbesitzer. Er war auch beim Auftritt der Skids gewesen.
Ich fiel ins Bett schlief sofort ein und wachte nur einmal auf, als Stunden später die Finnen, die in den Hotelzimmern neben mir waren, von der letzten Pubrunde zurückkamen: laut, betrunken und unfähig, das Schloss vom Hotelzimmer zu finden. Aber auch dann schlief ich wieder ein – mit einem Lächeln.

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