Sonntag, 6. August 2017

Rebellion Festival, Blackpool - Wintergardens (5.8.2017)

Hands Off Gretel
Der Samstag ist besonders voll. Das liegt schon daran, dass es nicht wenige gibt, die eben nur am Wochenende beim Festival sind. Bis zwei Ausnahmen war nun dieser Tag quasi ein „Day at the Opera“.
Die erste Ausnahme war „Hands off Gretel“. Die vierköpfige Band spielte sehr früh im „Empress Ballroom“. Habe ich es in den Vorjahren öfters erlebt, dass da Bands zu früher Stunde vor einer kleinen Schar aufspielen mussten, war es bei „Hands off Gretel“ aber anders. Der Empress Ballroom war vor der Bühne gut gefüllt. Und die Band spielte einen sehr interessanten Set. Guckt man auf ihre Facebook-Seite kann man lesen, dass die Engländer hauptsächlich von amerikanischen Bands beeinflusst sind: „"The sound we make is raw, influenced strongly by 90s female fronted grunge bands, we get loud and shouty and soft and pretty, it’s frustration music from a girl in her room shouting out at the real world." Sie sind aber keinen stumpfen Klone, sondern haben ihren eigenen Stil entwickelt. Zudem ist die Sängerin – Lauren Tate – schon wirklich gut: als Sängerin wie auch als charismatische Frontfrau. Gute Band, die im September auch auf Tour nach Deutschland kommen wird.

V2
Dann ging ich wieder ins „Opera House“ und sah „V2“. Ich erinnerte mich, von dieser Band schon einmal gehört zu haben. „V2“ stammen aus Manchester und gehören zu den ganz frühen Punk-Bands mit einigen Glam-Einflüssen. Und es war en toller Auftritt. Ich saß da und war ganz hin und weg. „V2“ sind ein Beispiel dafür, dass eine alte Band es immer noch kann und dabei weder peinlich noch langweilig ist. Zudem spielten sie auch ein „Joy Division“-Cover: „Shadowplay“. Dieses Cover war extrem gut gelungen – zudem erzählte der Sänger, dass sie sich damals wohl mit Joy Division einen Proberaum geteilt haben. Leider gab es an deren Merchstand keine CDs, sondern nur ein wirklich hässliches T-Shirt zu kaufen. Vielleicht war diese Band die Überraschung des Festivals. Jedenfalls habe ich damit nicht gerechnet.

The Proles
Es folgten am gleichen Ort das „The Proles“. Das ist eine aus dem Norden Englands – Newcastle - kommende Band, die sich um 1978 formiert hatte. Die meisten Sachen von denen sind auf dem legendären „Small-Wonder-Label“ erschienen. Es ist quasi so etwas wie eine poppige Variante des Punk. Äußerlich sprang die Band ein wenig aus dem Rahmen: der Sänger sah aus als könnte er auch einem Psychedelic-Festival auftreten und der Gitarrist kam mit Perücke und Indianerfeder auf die Bühne. Hmmm. Musikalisch war es gut...nett. Die Proles haben mich nicht begeistert. Vielleicht muss man diese Band auch eher in einem Pub oder zumindest auf kleiner Bühne sehen. Trotzdem war ich froh, eine dieser alten Bands jetzt einmal gesehen zu haben. So wie „V2“ würden die Proles wohl niemals nach Deutschland kommen.

Duncan Reid and The Big Heads
Dann kamen „Duncan Reid and The Big Heads“. Auf diesen Auftritt habe ich mehr gefreut – und ich wurde nicht enttäuscht. Duncan Reid, der ehemalige Sänger und Bassist von „The Boys“ hat vor einiger Zeit sein drittes Album rausgebracht, das extrem gelungen ist. Ich hatte ihn schon im letzten November in Düsseldorf gesehen und war sehr angetan gewesen. Der Auftritt im „Opera House“ war umwerfend. Alle vier spielen mit einer Spielfreude, die nur einfach anstecken kann. Duncan Reid mit seinen „um die 60“ tanzt wie gewohnt auf der Bühne herum. Die Gitarristin wirbelt gleichfalls herum als hätte sie eine Überdosis Coffein intus...der neue Gitarrist ist schon fast der ruhende Pol im Ganzen...und die zierlich anmutende Schlagzeugerin hat rein als gäbe es kein Morgen. Beeindruckend! Und dazu eben wunderbare Songs. Als ich Duncan Reid das allererste Mal solo sah, war die Setlist eine ausgewogene Mischung aus alten Boys-Songs und neuen Stücken. Diesmal kamen nur ganz zum Schluss zwei Boys-Nummern: „Sick on you“ und „Brickfield Nights“. Das wars. Und das zeigte, dass Duncan Reid sich jetzt endgültig freigeschwommen hat und dass er mit seinen eigenen Stücken nun wirklich auf eigenen Beinen steht. Top Konzert!

Notsensibles
Dann – fast schon atemlos – ging es weiter mit meinen „Lieblingen“: den „Notsensibles“. Ich bin ein großer Fan dieser Band aus Burnley. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich das große Glück, die ursprüngliche Version des einzigen Albums „Instant Classic“ – das mit dem roten Cover! – zu kaufen. Die „Notsensibles“ mag ich vielleicht deshalb auch so gerne, weil sie auf unverwechselbare Weise den Humor in den Punk implantiert haben. „I’m In Love with Margaret Thatcher“ ist eh ein Knaller...so wie sowie das Album und alle anderen Singles. Ich habe die Band 2006 und 2014 schon in Blackpool sehen können. Jedes Mal habe ich mir ein T-Shirt gekauft. Jetzt auch wieder. Und der Auftritt war – wie konnte es auch anders sein – fantastisch. Sie starteten mit „Little Boxes“ und endeten mit „The Telephone rings again“. Und sie spielten natürlich auch eines meiner Lieblingslieder: „I’m the Bishop“. Chris – einer der TUTS – kommt ursprünglich auch aus Burnley und war mit dem Sänger in einer Klasse in der Schule. Chris war natürlich auch im Opera House und erzählte, dass der Sänger schon damals eher durchgeknallt....aber eben genial war. Tja – da saß ich da und hatte wohl während des gesamten Auftritts ein großes Grinsen im Gesicht. Hammer!

The Lurkers
Nach den Notsensibles füllte sich das Opera House, denn es sollten „The Lurkers“ spielen. In letzter Zeit gab es ein öffentlich ausgetragenes Gezanke zwischen den drei Ex-Lurkers-Musikern – allen voran Pete Stride -, die aktuell als „Lurkers GLM“ ein Album rausgebracht haben, und Arturo, der seit vielen Jahren mit seiner Band als „The Lurkers“ durch die Lande touren. Pete Stride hatte in einem Interview in der „Vive Le Rock“ behauptet, dass Arturos Band eigentlich nur eine Cover-Band ist, was dann Arturo nötigte, in der nächsten Ausgabe seine Sicht kundzutun...usw. Letztlich konnte sich Arturo dann auch den einen oder anderen Seitenhieb gestern nicht verkneifen. Arturos Version der Band spielt die alten Songs und eben die von ihm selbst. Und darauf kam Arturo dann auch zu sprechen: er spielt eben nicht nur das alte Material, sondern auch das Neuere. Jedenfalls wurde deutlich, dass sich Arturo derzeit in einer Rechtfertigunsschleife befindet, die allein dadurch am Leben gehalten wird, dass jetzt eine CD-Box mit den ersten beiden Alben und den Singles veröffentlicht worden ist und diese von den anderen promotet wird...und in den Interviews wieder das Thema „Original/Coverband“ befeuert wird.
Auf jeden Fall war das „Opera House“ voll bis zur Empore und die Anwesenden hatten ihren Spaß. Und ich fand, dass Arturos Lurkers extrem gut gespielt haben.

Louise Distras
Ich ging dann erst einmal etwas essen. Und ging dann in den Pavillion, um „Louise Distras“ mit ihrer Band zu sehen. Anders als noch im letzten Jahr war jetzt nur noch der Gitarrist dabei. Statt einer Drummerin saß da jetzt ein spanischer Drummer und am Bass war der Bassist von Chelsea.
Louise Distras spielte auch den einen oder andern neuen Song, der auf dem neuen Album erscheinen wird. Die letzten Wochen hatte Louise Distras eine Kampagne durchgeführt, um Geld für die Aufnahmen des Albums zusammenzubekommen. Das war erfolgreich und so freue ich mich darauf, hoffentlich im neuen Jahr das neue Album in den Händen halten zu können. Der Auftritt war klasse. Louise Distras gibt auf der Bühne alles – und es ist jedes Mal so, als würde sie ihre Seele aus dem Leib schreien. Sie ist ja ein Mensch, die sich gesellschaftlich-politisch klar positioniert...und für die Musik und vor allem die Möglichkeit, selbst Musik machen zu können, das Lebenselixier ist.

Zurück im „Opera House“ spielten „The Drones“ auf. Das ist auch eine alte Manchester Band aus dem Jahre 1976. Ich muss gestehen, dass ich von denen früher mal das erste Album gehört habe. 1982 waren sie wohl mit Chelsea auf Tour zusammen mit Chron Gen und ich hatte im Frühjahr 1982 bei einem Auftritt von Chelsea im Marquee quasi als Vorprogramm einen Film über diese Tour gesehen. Jedenfalls spielten sie an diesem Abend das erste Album – Further Temptations – komplett. Das war gut – sehr gut. Wie viele alte Bands ist es auch bei den Drones so, dass nicht mehr alle Originalmitglieder dabei sind. Der Sänger starb – soviel ich weiß – vor einigen Jahren. Aber die Band spielte in der aktuellen Formation frisch und es machte Spaß. Abzug in der A-Note gab es dann aber, als die Band nach dem ersten Album zwei neue Songs spielten, die wirklich schlecht waren.

Ich hätte jetzt noch weiter bleiben können. Doch ich hatte genug – im positiven Sinne. Lieber früher mal ins Bett und frisch sein für den letzten Tag. Da spielen nämlich „The Skids“.